Kapitel III. Die Solidaristen.
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die sich nicht bei ihnen einreihen lassen wollen, aufzuzwingen, die
Verfolgung der „Gelben“, die Entwicklung jener Streiks, die man
bezeichnend „Solidaritäts-Streiks“ und in England „Sympathie-Streiks“
nennt, bilden eine der interessantesten Seiten der gewerkschaftlichen
Bewegung.
Und dann die Mutualisten! Sie berufen sich am häufigsten und
lautesten auf die Solidarität x ). Dies ist auch verständlich, denn ihre
Aufgabe ist der Kampf gegen das Übel in allen seinen Formen, Krank
heit, Invalidität, Alter, Arbeitslosigkeit und Tod: gerade im Unglück
empfinden die Menschen am lebhaftesten das Bedürfnis, sich einer auf
den anderen zu stützen. Trotzdem ist aber die Solidarität, die die
Mutualisten vereinigt, nicht sehr fest, genügt keinesfalls um sie
dazu zu bewegen, beträchtliche Opfer zu bringen. Sie benutzen die
Solidarität hauptsächlich dazu, um den Staat, die Gemeinden oder
die Ehrenmitglieder aufzufordern, für sie zu bezahlen * 2 ), und heute
verlangen sie vom Staat, ihnen die Verwaltung der Arbeiterver
sicherung zu übertragen, und ihnen die Aufgabe der Verteilung der
Subventionen zu überweisen. Da übrigens die Anhänger dieser Ge
sellschaften auf Gegenseitigkeit sich größtenteils unter den Ange
stellten und den Mittelklassen finden, haben sie keine irgendwie
revolutionär gerichteten Neigungen und auch nicht den geringsten
Plan einer sozialen Reorganisation.
Vor allen ist es das Genossenschaftswesen, das infolge seines
umfassenden und vielseitigen Programmes das Recht hat, sich als
die Verwirklichung des Solidarismus zu geben.
Doch zeigt die Kooperation zwei charakteristische Formen, und
zwar auf Grund von gänzlich verschiedenen Programmen, deren End
ziele weit auseinander liegen.
1) Bei Gelegenheit eines Festmahles von 30ODO Mutualisten war die erste Seite
einer Pariser Morgenzeitung in riesigen Buchstaben überschrieben : Die Apotheose der
Solidarität!
2 ) Die Mutualisten sind so von der Solidarität eingenommen, daß sie entrüstet
dagegen protestieren, wenn sie zufällig bei sich das Wort Wohltätigkeit oder
Nächstenliebe hören. Ein jeder, so sagen sie, verlangt nur, was rechtens sein ist;
es ist das genau die These LiSon Bourgeois’. Trotzdem aber verlangte die Zeitung:
L’Avenir de la Mutualite (Februar 1909) für die Gesellschaften gegenseitiger
Hilfe (Societes de secours mutuels) das Recht, Lotterien und Tombolas zu veranstalten,
indem sie sich auf den Text des Gesetzes vom 21. Mai 1836 stützte, das Lotterien
„Werken vorbehält, die sich ausschließlich mit der Wohltätigkeit befassen“. Und
die Zeitung L’Avenir de la Mutualite zögerte zur Rechtfertigung ihrer For
derung nicht‘mit dem Zugeständnis, daß die Gesellschaften gegenseitiger Hilfe „einen
nicht auf Gegenseitigkeit beruhenden Einschlag von Wohltätigkeit zulassen . . ., den
man ganz mit Recht mit dem höheren modernen Prinzip der sozialen Solidarität in
Verbindung bringt, der aber nichtsdestoweniger die Anwendung der im Gesetz von
1836 angeführten Vergünstigung rechtfertigt“.