Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Die  ältere  Bewegung,  in  der  noch  die  Überlieferungen  der  Brüderlichkeit ­
  aus  der  Zeit  von  1848  lebendig  sind,  ist  die  der  Arbeiter-Produktivgenossenschaften,
  von  denen  wir  schon  gesprochen
haben  (Seite  290).  Sie  bemühen  sich,  die  Emanzipation  der  Arbeiterklasse ­
  zu  verwirklichen  indem  sie  die  Organisation  der  Republik  auf
die  Werkstatt  übertragen,  und  beginnen  zunächst  mit  dem  „Garantismus“, ­
  den  Sismondi  von  den  Arbeitgebern  verlangte,  und  den  Fourier
von  der  freien  phalansterischen  Genossenschaft  erwartete  1 ).  Obgleich
ihre  Entwicklung  ziemlich  stetig  gewesen  ist,  bilden  sie  doch  nur
einen  winzigen  Bruchteil  der  Arbeiterklasse.
Die  Konsumgenossenschaften  dagegen  haben  eine  viel  größere
Bedeutung  erlangt:  ihre  Mitglieder  zählen  nach  Millionen  und  bilden
in  einigen  Städten  Englands,  Deutschlands  und  der  Schweiz  schon
die  Mehrheit  der  Bevölkerung.  Außerdem  sind  sie  imstande  gewesen,
riesige  Großhandelsgenossenschaften  zu  bilden,  die  sehr  wohl  binnen
kurzem  eine  vollständige  Umwälzung  in  der  Organisation  des  Handels
bewirken  können,  wenn  man  sein  Urteil  nicht  nur  auf  die  Höhe  der
erreichten  Umsatzziffern  stützt,  sondern  auch  die  unter  den  Handeltreibenden ­
  hervorgerufene  Erregung  in  Betracht  zieht,  die  in  allen
Ländern  zur  Forderung  von  staatlichen  Schutzmaßregeln  geführt  hat.
Obgleich  diese  Gesellschaften  sich  in  Frankreich  stark  vermehrt  haben,
können  sie  hier  doch  nicht  entfernt  die  gleichen  praktischen  Erfolge
aufweisen;  —  was  ihnen  am  meisten  fehlt,  ist  gerade  das  Solidaritätsgefühl. ­
  Dafür  ist  es  ihnen  aber  gelungen,  ein  soziales  Erneuerungsprogramm ­
  aufzustellen,  das  einer  gewissen  Größe  nicht  entbehrt  und
sich  übrigens  auf  das  Programm  der  „Pioniere  von  Rochdale“  gründet *  2 ).

*)  „Die  Solidarität  ist  nur  ein  leeres  Wort,  wenn  sie  sich  nicht  auf  besondere
Organisationen  stützt,  die  sie  wirksam  machen.  Deshalb  haben  die  Arbeiter-Assoziationen ­
  den  Garantismus  geschaffen.  .  .  .“
„Die  reinste  Kundgebung  der  Idee  der  Solidarität  besteht  darin,  einen  Teil  des
■von  der  Arbeit  geschaffenen  Reichtums  dazu  zu  benutzen,  dag  Elend  wieder  gut  zu
machen,  das  die  schlechte  Organisation  der  Arbeit  verursacht  und  den  Arbeiter
und  die  Seinigen  den  schwersten  Leiden  aussetzt,  wenn  Krankheit,  Alter  oder
Schicksalsschläge  ihn  treffen.“  (Programm  auf  dem  Umschlag  der  Association
Ouvriere,  Organ  der  Produktivgenossenschaften.)
2 )  Dieses  genossenschaftliche  Programm  ist  in  Frankreich  allgemein  als  das  der
„Schule  von  Nimes“  bekannt.  In  Wirklichkeit  ist  es  nur  die  Weiterführung  in
großem  Maßstabe  des  1844  von  den  Pionieren  von  Rochdale  lakonisch  aufgestellten
Grundgedankens.  Boürgüin,  der  es  in  seinen  Systemes  socialistes  aufgenommen
hat,  hält  dafür,  daß  es  an  Klarheit  fehlen  lasse.  Es  scheint  uns  aber  wenigstens
ebenso  klar  wir  irgend  ein  anderes  sozialistisches  Programm,  das  die  Zukunft  vorwegnimmt, ­
  und  hat  den  Vorzug  voraus,  daß  es  sich  auf  Ansätze  zu  seiner  Verwirklichung
stützen  kann,  die  heute  schon  Beachtung  verdienen.  Im  folgenden  fassen  wir
es  kurz  zusammen,  und  zwar  nach  einem,  schon  vor  £0  Jahren  gelegentlich
der  Hundertjahrfeier  der  Revolution  in  einer  Rede  dargelegten  Programm  (in  dem
            
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