Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit. 
Freilich kann die Solidarität nicht aus sich selbst ein Prinzip 
des moralischen Handelns liefern, da sie nur eine natürliche Tatsache 
und als solche durchaus amoralisch ist. Es sind keine Beweise 
nötig, um darzutun, daß jedesmal, wenn wir die Solidarität als ein 
Übel verurteilen, dieser Verurteilung die Tatsache zugrunde liegt, 
daß wir unser Kriterium des bösen und guten von außen her 
nehmen. Ebenso wenig unterliegt es einem Zweifel, daß die Tat 
sache der Solidarität zugunsten des Egoismus ausgebeutet werden 
kann. Wenn die Solidarität nur ein Band ist, das uns verbindet, so 
ist es sehr leicht möglich, daß irgendjemand sich seiner bediene, um 
sich mühelos in die Höhe ziehen zu lassen, während ein anderer es 
gebraucht, um andere in die Höhe zu ziehen. Wenn man hiergegen 
nicht auf der Hut ist, werden sogar wahrscheinlich die ersteren die 
zahlreicheren sein. Hierin liegt kein Grund zum Erstaunen, denn 
alles das, was zur Ausbreitung der Macht des Guten dient, dient 
ebenso zur Ausbreitung der Macht des Bösen. Aber nichtsdesto 
weniger muß man doch das Kommen dieser neuen Mächte herbei 
sehnen, in der Hoffnung, daß das Gute zum Schluß den Sieg über 
das Böse davon tragen wird. Wenn es also auch feststeht, daß die 
Solidarität nicht genügt, um aus sich selbst ein Prinzip moralischer 
Lebensführung denen zu liefern, die sonst kein solches besitzen, so 
ist doch nicht zu leugnen, daß sie, sobald irgendein solches Prinzip, 
gleichgültig ob Egoismus oder Altruismus, anerkannt ist, einen Hebel 
von unvergleichlicher Kraft in seinen Dienst stellt. In ihr liegen 
drei große Lehren beschlossen: 
1. Sie lehrt uns, daß jedes Gute, das einem anderen zufällt, zu 
unserem eigenen Wohl beiträgt, und daß alles Übel, das einem anderen 
zustößt, unser eigenes Übel werden kann; daß wir daher das 
Eine wollen und das Andere hassen müssen. Ein feiges Beiseite 
stehen ist dann nicht mehr möglich. 
Auch wenn wir zugeben, daß in dieser Morallehre ein guter Teil 
Utilitarismus enthalten ist, so ist es immer etwas, den Egoisten dazu 
zu zwingen, aus sich herauszugehen und sich um andere zu sorgen. 
Das Herz, das einmal für andere geschlagen hat, sei es auch nur aus 
egoistischer Furcht, ist doch etwas weiter geworden. Audi ist es 
sicherlich zu viel verlangt, wenn man einen Altruismus will, der 
ganz und gar nicht seiner selbst vergißt; sagt doch sogar das Evan 
gelium: „Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst.“ 
Das gleiche sagt auch die Solidarität, weder mehr noch weniger: 
nur weist sie nach, daß mein Nächster in Wirklichkeit mein eigenes 
Selbst vorstellt. 
2. Sie lehrt uns, daß unsere Handlungen sich um uns bis ins 
Unendliche in Wellen der Freude oder des Leidens fortpflanzen, und
	        
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