Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

699

Werken  Peoüdhon’s.  Lange  Zeit  vergessen,  obgleich  es  bei  seinem
Erscheinen  einen  lauten,  aber  nur  vorübergehenden  Erfolg  zu  verzeichnen ­
  hatte,  ist  dieses  Buch  vor  etwa  15  Jahren  wieder  ausgegraben
worden,  als  die  Gedanken  Nietzsche’®  die  große  literarische  Volkstümlichkeit ­
  gewonnen  hatten,  die  auch  heute  noch  andauert.  Man
entdeckte  damals,  daß  Nietzsche  einen  Vorläufer  gehabt  hatte,  —
dessen  Existenz  ihm  selbst  wahrscheinlich  unbekannt  geblieben  war
—  und  Stienee  hat  als  erster  der  „Immoralisten“  eine  posthume
Berühmtheit  erlangt.  Es  ist  nötig,  hierüber  einige  Worte  zu  sagen,
sei  es  auch  nur  um  auf  die  wichtigsten  Punkte  hinzuweisen,  die
seine  Lehre  von  dem  Anarchismus  Peoudhon’s,  Bakünin’s  oder  Kropotkin’s
  unterscheiden 1 ).

§  1.  Der  philosophische  Anarchismus  Stienee’s  und  die
Anbetung  des  ICH.
Das  Buch  Stienee’s  macht  den  Eindruck  eines  schlechten  Scherzes.
Um  seinen  Ursprung  zu  verstehen,  muß  man  sich  in  die  Zeit  und  das
besondere  Milieu  zurückversetzen,  in  dem  es  entstanden  ist.  Stienee
gehört  zu  jener  Gruppe  von  jungen  deutschen  Radikalen  und  Demokraten, ­
  die  seit  1840,  von  Feueebäch  angeregt,  sich  um  Bruno  Bauee
scharten  und  die  extremen  Folgerungen  der  hegelianischen  Philosophie
zogen.  Ihr  Ideal  war  die  Verwirklichung  der  völligen  Geistesfreiheit.
Im  Namen  dieser  Freiheit  kritisierten  sie  alles,  was  ihr  entgegen  zu
stehen  schien,  und  griffen  übrigens  ebenso  den  gerade  aufkommenden ­
  Kommunismus,  wie  das  offizielle  Christentum  der  Theologen  und
den  Absolutismus  der  Regierungen  an.  Aus  ihnen  gingen  die  intellektuellen ­
  Koryphäen  der  deutschen  Revolution  von  1848  hervor,  und  *  i)
Einzelheiten  in  dem  Werk  seines  Schülers  J.-H.  Mackay;  Max  Stirner,  sein
Leben  und  sein  Werk  (Berlin  1898,  260  Seiten),  dem  wir  die  verschiedenen
Einzelheiten,  die  der  Text  bringt,  entnehmen.  Der  wirkliche  Name  Stirnek’s  war
Kaspar  Schmidt.  Er  wurde  1806  in  Bayreuth  in  Bayern  geboren  und  starb  1856
in  Berlin  im  tiefsten  Elend  und  fast  vollständig  verlassen.  Über  die  Ideen  der
„Hegelianischen  Linken“  und  über  Stirner  wird  man  mit  Interesse  die  Aufsätze
Saint-EeniS  Taillandiek’s  lesen,  die  zwischen  1842  und  1850  in  der  Revue  des
Deux  Mondes  erschienen.
i)  Man  wird  sich  vielleicht  wundern,  daß  wir  hier  nicht  auf  Nietzsche  eingehen,
  da  wir  in  ihm  einen  Nachfolger  Stirnee’s  sehen.  In  Wirklichkeit  ist  Nietzsche
aber  fast  ausschließlich  Philosoph  und  Moralist.  Das  Buch  Stihnbr’s  dagegen  hat
eine  hauptsächlich  soziale  und  politische  Tragweite.  Wir  geben  zu,  daß  auch  das  Werk
Stihnbr’s  nur  noch  ziemßch  entfernt  mit  der  Volkswirtschaft  in  Verbindung  steht,
und  daß  es  vielleicht  mit  mehr  Recht  in  einer  Geschichte  der  politischen  Doktrinen
seinen  Platz  finden  würde,  Eine  Untersuchung  der  Ideen  Nietzsohb’s  würde  uns
noch  weiter  von  dem  eigentlichen  Bereich  der  vorliegenden  Geschichte  entfernen,
die  nicht  das  Studium  aller  individualistischen  Doktrinen  umfaßt.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.