Kapitel IV. Die Anarchisten.
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mich nicht mehr Autorität als die, die ich ihnen beilege. Einfache
Geschöpfe meines Geistes, verlieren sie mit dem Tage, an dem ich
auf höre, sie anzuerkennen und sie zu achten, jedes Recht über mich,
und ich bin wirklich frei. „Ich bin berechtigt Zeus, Jehova, Gott
usw. zu stürzen, wenn Ich kann;... Ich bin durch Mich berechtigt
zu morden, wenn Ich Mir’s selbst nicht verbiete, wenn Ich selbst
Mich nicht vor’m Morde, als vor einem „Unrecht“ fürchte ... Ich
entscheide, ob es in Mir das Rechte ist; außer Mir gibt es kein
Recht. Möglich, daß es darum den Andern noch nicht recht ist; das
ist ihre Sorge, nicht Meine; sie mögen sich wehren“ * 3 ). Die Arbeiter,
die sich darüber beklagen, ausgebeutet zu werden, die Elenden, die
jedes Besitzes entbehren, haben nur eins zu tun: sich selbst dieses
Recht zuzusprechen und das Eigentum, das ihnen zusagt, zu nehmen.
„Der Egoismus schlägt einen anderen Weg ein, um den besitzlosen
Pöbel auszurotten. Er sagt nicht: Warte ab, was dir die Billigkeits
behörde . . . schenken wird .. ., sondern: Greife zu und nimm, was du
brauchst!“ 2 ) „Die Erde . . . gehört dem, der sie zu nehmen weiß,
oder dem, der sie sich nicht nehmen, sich nicht darum bringen läßt.
Eignet er sie sich an, so gehört ihm nicht bloß die Erde, sondern
auch das Recht dazu 3 ).“
Welche Gesellschaft sollte aber unter solchen Umständen be
stehen können? Nur eine einzige ist denkbar: „Die Vereinigung
der Egoisten“, d. h. die Vereinigung von Menschen, die sich ihres
Egoismus bewußt sind und sich hüten, in der Vereinigung etwas
anderes zu suchen, als eine Vermehrung ihrer persönlichen Befriedi
gungen. Heute beherrscht die Gesellschaft das Individuum und
macht aus ihm ihr Instrument. Die Vereinigung der Egoisten wird
„das Instrument“ des Individuums. Es wird sie ohne Skrupel ver
lassen, falls es keine Vorteile mehr aus ihr ziehen kann. Ein jeder
Mensch sagt dann zu seinem Nächsten; „Ich will an dir nichts aner
kennen oder respektieren, weder den Eigentümer, noch den Lump,
noch auch nur den Menschen, sondern Dich verbrauchen 4 ).“ Dies
wird der „Krieg Aller gegen Alle“ (8.265) sein, der nur durch
Dienste, aber keinen einigen und eigenen Leib. Sie wird eben, wie die „Nation“
der Politiker, nichts als ein „Geist“ sein, der „Leib an ihm nur Schein,“ (S. 120).
Liegt nicht ein recht grober Materialismus darin, aus dem Dasein eines „Leibes“
das Kriterium einer Wirklichkeit zu machen? Auf diese Weise würde weder ein
Gesetz, noch eine Gewohnheit und nicht einmal die Sprache eines Volkes Wirklich
keit sein. Eine historische Tatsache, eine Schlacht, eine Revolution haben ebenfalls
keinen Körper, trotzdem sind ihre „wirklichen“ Folgen unberechenbar!
3 ) Ebenda, S. 193—194.
2 ) Ebenda, S. 265.
3 ) Ebenda, S, 195.
4 ) Ebenda, S. 143.