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Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.
der menschlichen Gesellschaft nicht nur das Ergebnis eines kollektiven
Verbrechens; er ist außerdem ein Widersinn, da die Produkte den
notwendigen Bedarf um das Doppelte übersteigen“ x ).
Inmitten eines solchen Überflusses an Gütern, in einer derart in
ein Schlaraffenland verwandelten Welt, würde auch die Verteilung
der Güter aufhöreu, ein schwieriges Problem zu sein. Nichts ist
leichter, als ihre Organisation. „Was im Überfluß vorhanden ist,
wird ohne weiteres in beliebiger Menge entnommen; das, was ge
messen und verteilt werden muß, wird einem jeden zugeteilt“ 2 ).
Dies ist das Prinzip. In den Fällen, wo eine Zuteilung nötig ist,
beginnt man selbstverständlich damit, die Frauen, die Greise, die
Kinder und die Kranken zunächst zu befriedigen. Nachher erst
kommen die erwachsenen Männer. Es ist dies die heutige Praxis
der „kommunistischen Suppenanstalten“, für die uns die Streiks zahl
reiche Beispiele liefern. — Was die Wertgesetze anlangt, auf Grund
deren sich heute die Verteilung der Güter vollzieht, und die die
Volkswirtschaftler für unabänderlich und notwendig halten, so ent
locken sie den Anarchisten nur ein Lächeln — oder vielmehr, darum
kümmern sie sich überhaupt nicht 3 ).
§ 4. Die Revolution.
Wie soll nun dieser schöne Traum verwirklicht werden? Wie
sollen wir aus der jammervollen Gesellschaft, in der wir leben, in
das goldene Zeitalter kommen, das die Anarchisten uns zeigen? —
Durch die Revolution!
Die Theorie der Revolution ist einer der wesentlichen Bestand
teile der anarchistischen Lehre, der, den das Publikum am genauesten
kennt. Wir werden diese Theorie jedoch nur in einigen Worten
streifen, denn der Anarchismus hat uns schon zu weit von den
eigentlichen ökonomischen Ideen geführt.
Zunächst muß Peoudhon beiseite gelassen werden. Wir haben
gesehen, daß er jede gewaltsame Revolution verwirft (s. o. 8. 361,
Anm. 2). In seinen Augen ist nur eine Revolution fähig, die Anarchie
zu verwirklichen: die Umwandlung der Herzen und der Gewissen.
So langmütig sind aber seine Nachfolger nicht. Ihnen erscheint die
') EusfeE Eeclus, L’evolntion usw. S. 136—137.
3 ) Kropotkin, Conquete du Pain, S. 79.
3 ) Vgl. in Jean Grave, La Societe future, Kap. XIV, La Valeur. Die
Anarchisten beklagen sich oft, daß ihre Gedanken von den bürgerlichen Volkswirt
schaftlern verzerrt wiedergegeben werden. Man kann das angeführte Kapitel lesen,
um sich zu überzeugen, mit welchem Verständnis gewisse Anarchisten die Gedanken
ihrer Gegner auslegen.