Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 705
eines subjektivistischen Seelenlebens noch keineswegs erfüllt;
und es bedeutet einen Verzicht auf teuere Hoffnungen, wenn
man sich neuerdings daran gewöhnt hat, nach Maßgabe des
französisch-internationalen Allemagne auch da von Deutschland
zu reden, wo nur das Deutsche Reich gemeint ist, oder wohl
gar von einem Kaiser von Deuischland statt von einem Deutschen
Kaiser zu fabeln.
ÜUberschauen wir jetzt das weite Gebiet der öffentlich-recht⸗
lichen, kirchlichen und staatlichen Betätigung der letzten großen,
vollendeten Periode unserer Entwicklung, wie sie in diesem
Halbband der Deutschen Geschichte zur Darstellung gelangt ist,
als ein Ganzes, so werden wir wohl, wohin wir auch den
Blick richten, von etwas Unvollendetem reden können: das
Imperfekt ist recht eigentlich die Zeitform, in der dies Ganze
zu schildern wäre.
Wenn aber dieser Charakter zunächst die politischen Vor⸗
gänge der Periode von allen anderen abhebt, so darf darin kein
Mangel und keine Ausnahme der Entwicklung an sich erblickt
werden. Der Fall ist in dieser Hinsicht besonders lehrreich.
Nur zu sehr sind wir aus der Bevorzugung her, mit der bis⸗
her die politische Geschichte betrieben worden ist, gewöhnt, uns
die Vorstellung zu bilden, die politischen Vorgänge seien
eigentlich Urgrund und Samen jeglicher anderen geschichtlichen
Entwicklung. Und wie oft ist es nicht, auch von hervorragenden
Historikern der Kulturentwicklung, versucht worden, von diesem
mißlichen und unzutreffenden Glauben aus literarische oder
künstlerische Vorgänge „ihrem Tiefsten nach“ aus gleichzeitigen
oder vorhergehenden politischen Vorgängen abzuleiten: man
denke nur an das unglückselige „Zeitalter Friedrichs des Großen“,
das Scherer in die deutsche Literaturgeschichte eingeführt hat!
Genau das Umgekehrte ist der Fall: nicht Wurzel, sondern Blüte,
nicht Keim, sondern Frucht der „tieferen“ Entwicklung sind die
politischen Ereignisse; erst muß der bestimmte Habitus eines neuen
Seelenlebens, eines neuen Kulturzeitalters schon deutlich zutage
getreten sein und die nationale Welt durchsäuert haben, ehe er
Zuch die Verfassung, überhaupt das öffentliche und politische