Full text : Die Regierung im Kampfe gegen die Sozialverischerung

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Bisher  haben  die  politischen  Kämpfe  mit  dem  Abschlüsse  der  Wahlen  ihr
Ende  erreicht.  Die  Vertretung  der  Versicherten  wie  der  Unternehmer  war  eine
homogene,  schlimmstenfalls  sind  einander  zwei  politische  Parteien  gegenüber  gestanden. ­
  Nach  der  Konstruktion,  die  das  versicherungstechnische  Departement  vorschlägt, ­
  wird  jede  Bezirksstelle  in  ihrem  Vorstande,  jede  Krankenkasse  in  ihrer
Generalversammlung  und  in  ihrem  Vorstande  einen  politischen  Mikrokosmus  ihres
Bezirkes  darstellen.  Alle  nationalen,  sozialen,  politischen  und  selbst  religiösen
Richtungen  werden  hier  Geltung  erlangen.  Wie  soll  ein  Vorstand  von  solcher
Zusammensetzung  das  ihm  anvertraute  Institut  sachgemäß  verwalten?
Der  Zweck  des  Proporzes  ist  hier  ganz  klar.  Er  soll  der  organisierten
Arbeiterschaft  die  Eindrittelvertretung  in  den  Bezirksstellen,  die  Zweidrittelvertretung ­
  in  den  Krankenkassen  entreißen  und  die  Mandate  zum  Teil  solchen
Gruppen  zuwenden,  die  als  Gegner  der  organisierten  Arbeiter  den  Unternehmern
eine  Gewähr  für  ein  Zusammengehen  bieten.  In  den  Bezirken,  in  welchen  die
agrarische  Flut  die  Industrie  aus  der  Verwaltung  wegschwemmt,  wird  dies
bewirken,  daß  in  den  Bezirksstellen  die  Träger  der  sozialpolitischen  Moral  um
jeden  Einfluß  gebracht  werden.
Das  Gehässige  dabei  ist,  daß  die  Arbeiter  trotzdem  zur  Zahlung  von  Zweidritteln ­
  der  Beiträge  verhalten  werden.  Die  Unternehmer  werden  also  wie  bisher  ein
Drittel  der  Prämien  aufbringen,  sie  haben  aber  die  Aussicht,  mit  Hilfe  des  Proporzes
die  Majorität  oder  mindestens  Parität  in  den  Krankenkassen  zu  erlangen  und  die
ihnen  genehme  sozialpolitische  Richtung  durchzusetzen.  Im  „Programm"  war  noch  die
Parität  der  Vertretung  neben  der  Parität  der  Beitragsleistung  in  Aussicht  genommen.
Die  Auslieferung  der  Sozialversicherung  an  die
Unternehmer.
Noch  herausfordernder  sind  die  Vorschläge  für  die  Wahlen  bei  den  Bezirksstellen. ­
  Hier  soll  den  Betriebsinhabern  neben  der  gesicherten  Zweidrittelmajorität
auch  noch  die  Erringung  von  Mandaten  in  den  Arbeiterkurien  ermöglicht  werden.
Nichts  anderes  bedeutet  ja  hier  die  Verhältniswahl.  In  vielen  Bezirksstellen  kann
^es  auf  diesem  Wege  gelingen,  die  Arbeiter  vollständig  mundtot  zu  machen.
Aber  nicht  einmal  diese  Maßnahmen  genügen  dem  Eifer  des  Departements
für  Arbeitervcrsicherung.  Die  einmal  Totgeschlagenen  müssen  immer  wieder  und
nach  stets  neuen  Methoden  totgemacht  werden.
Bei  den  Genossenschafts-Krankenkassen  tobt  sich  der  Groll  am  leidenschaftlichsten ­
  aus.  Das  Statut  der  Krankenkasse  soll  nicht  von  der  Generalversammlung,
sondern  von  der  Genossenschaft  im  Einvernehmen  mit  der  Gehilfen  -
Versammlung  aufgestellt  werden.  Kommt  das  Einvernehmen  nicht  zustande,
dann  wird  wohl  die  Aufsichtsbehörde  entscheiden,  deren  Pflicht  cs  doch  ist,  den
„kleinen  Mann"  auch  bei  solchen  Gelegenheiten  zu  „retten".  Die  Dienstpragmatik
für  die  Angestellten  bedarf  neben  der  behördlichen  Genehmigung  auch  der  Zustimmung ­
  der  Genossenschaft.
Kann  es  sich  bei  diesem  Kampfe  der  Regierung  gegen  den  Einfluß  der
Arbeiter  um  sachliche  Motive  handeln?  Wer  unsere  Verhältnisse  kennt,  weiß,  daß
die  Handwerksmeister  es  nicht  verwinden  können,  wegen  unterlassener  An-  und
Abmeldungen  bestraft,  wegen  Veruntreuung  von  Beiträgen  verfolgt  zu  werden
und  zu  dulden,  daß  die  Gehilfen  zur  Erlangung  erhöhten  Krankengeldes  die  Beiträge ­
  erhöhen.  Das  soll  künftig  verhindert  werden  und  deshalb  die  vollständige
Auslieferung  der  Genossenschafts-Krankenkassen  an  die  Meister,  die  Beseitigung
des  Einflusses  der  Arbeiter  ohne  Herabsetzung  ihrer  Bcitragsleistung.  Da  ist
Parität  gar  nicht  notwendig,  die  ja  die  schlimme  Wirkung  einer  Prämiencrhöhung
für  die  Unternehmer  nach  sich  ziehen  müßte.
            
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