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Zweites Buch. Die Gegner.
Kolonien zu gründen, um ihren auswärtigen Handel aufrecht zu er
halten und ihren Einfluß zu erweitern. Nur auf dieser Stufe kan»
sie eine große Bevölkerung ernähren und dadurch die vollständige
Entwicklung der Wissenschaften und Künste, die Unabhängigkeit
und die Macht des Landes sicher stellen. „Die Idee von Independenz
und Macht entsteht mit dem Begriff der Nation“ H. Allerdings
können nicht alle Nationen zu dieser vollständigen Entwicklung
gelangen. Sie setzt voraus ein großes Gebiet, das zahlreiche natür
liche Hilfsquellen besitzt, und ein gemäßigtes Klima, das die Ent
wicklung der Manufaktur gestattet 2 ). Wenn aber alle diese Be
dingungen gegeben sind, ist es die Aufgabe der Nation, mit allen
ihren Kräften diesem Zustand zuzustreben. Deutschland besitzt sie
nun im höchsten Grade, und es hängt nur von ihm ab, sein Gebiet
noch zu erweitern. List verlangt für Deutschland Holland und
Dänemark, die nach seiner Ansicht dazu kommen werden, „ihre Ein
verleibung in eine größere Nationalität als wünschenswert und not
wendig zu betrachten“, und die er gern aus freien Stücken in dem
deutschen Bund eintreten sehen möchte 3 ).
So ist für ihn der Zweck der Handelspolitik nicht mehr, wie
für Smith, einfach die Bereicherung der Nation. Sie soll einem viel
fältigeren Ideal dienen, das zur gleichen Zeit historisch und politisch
ist. Dieses Ideal verlangt, als grundlegende Notwendigkeit, die
Gründung von industriellen Unternehmungen.
b) Diese Notwendigkeit erscheint auch noch unter einem anderen
Gesichtspunkt. Der Reichtum eines Landes läßt sich nicht nur im
gegenwärtigen Augenblick beurteilen. Es genügt nicht, daß die
Arbeit und die Sparsamkeit seiner Bewohner ihm heute eine große
Menge von tauschbaren Werten sichern. Es ist außerdem noch not
wendig, daß die Quellen der Arbeit und der Sparsamkeit geschützt
und die Entwicklung dieser Tugenden in der Zukunft sicher
gestellt werden; denn „die Kraft, Eeichtümer zu schaffen, ist ... un-
*) S. 264, Cotta. Ausg. 1841. Übrigens vergißt auch Smith den Gedanken der
nationalen Macht nicht, wie überzeugend aus der folgenden Stelle hervorgeht. „Der
Reichtum und, sofern Macht vom Reichtum abhängt, die Macht eines jeden Landes
richtet sich immer nach dem Wert des jährlichen Produktes Nun ist es
aber der große Zweck der politischen Ökonomie jedes Landes, den
Reichtum und die Macht dieses Landes zu vermehren.“ (Völker-
reichtum, Bd. I, S. 219, Bd. II, Kap. V).
2 ) Über die industriellen Aussichten der gemäßigten, und die landwirtschaft
lichen der heißen Zone siehe: Nat. Syst. Buch II; Kap. XV. d. Cotta. Ausg. 1841.
8 ) Die deutsche Nationalität wird damit zugleich erlangen, was ihr zurzeit,
noch fehlt, nämlich Fischereien und Seemacht, Seehandel und Kolonien. (Nat. Syst.
S. 259, Cotta. Ausg. 1841). Wie man sieht, vereint List ohne Mühe patriotischen-
Idealismus und positivste Anschauungen.