5 Das gleiche gilt von anzuführender Literatur. Ich be
schränke mich auf ein paar Werke neueren Datums, die zu dem
Thema eine ganz spezielle Beziehung haben; hereinziehen könnte
man auch eine ganze Bibliothek. Carl Kindermann, Die
Führer im modernen Völkerleben. (Stuttgart, Ulmer. 1909?)
Das Buch scheint nach Vorlesungen wörtlich gedruckt zu sein;
darauf deuten die ermüdenden Wiederholungen und die behag
liche Breite. In knapperer Form würden die Hauptgedanken
viel mehr wirken; ich komme auf einzelnes zurück. Das Pro
gramm des Werkes findet man S. 22f. entwickelt. — Eine An
zahl Theorien haben mit dem Problem des Führertums nichts zu
tun; man kann sie auch ablehnen, ohne das übrige zu stören.
So die zwei „Grundsätze" (S. 27) von der Wechselwirkung aller
Teile in der Welt (gut, eommereium omniuw in der Philosophie;
auch bei Kant) und der Relativität oder Bedingtheit aller Wahr
heit (wohl besser: des Richtigen, Zweckmäßigen, oder der Werte)
im Bölkerleben. Dann die oft wiederholte Hypothese, unsere
jetzige Zeit sei durch „Reife und Abgewogenheit" oder durch ein
„hohes Gleichgewicht" besonders vor vergangenen Zeiten ausge
zeichnet. Die Vermeidung der Extreme, so auch des Absolutis
mus von oben und von unten, des patriarchalischen Bevormun
dens wie des einseitigen Freiheitsstrebens ist des Verfassers
Ideal; fraglich ist, ob es in der Gegenwart in hohem Maße ver
wirklicht ist, wie ob es eine (S. 113ff.) „moderne gegliederte
Gesamtüberzeugung" gibt. Fr. Wilh. Foerster, Staatsbürger
liche Erziehung-. 1914. Das Buch enthält sehr Wichtiges hier
Einschlagende bes. in den Abschnitten: II, 2 „Die Kunst des Be
fehlens"; II, 3ck „Zentralismus und Demokratie"; ferner im
zweiten Teil I, 2f. „Praktische Vorschläge zur sozialen Erziehung".
Foerster neigt zur katholischen Form der Autorität und wird der
„preußischen Menschenleitung" kaum voll gerecht; dagegen be-
sitzt er eine Kenntnis der einschlägigen englischen und amerika
nischen Literatur, die auch dem weniger demokratisch Gesinnten
Wertvolles bietet. Seine bedauerlichen politischen Entgleisun
gen in neuerer Zeit gehören auf ein anderes Blatt. Georges
Chatterton-Hill, Individuum und Staat (1913) ist ein Seiten
stück aus der Feder eines in Genf lebenden amerikanischen Sozio
logen. Das Buch bewegt sich weit mehr in Abstraktionen, wo
gegen Foersters Stärke die Kenntnis konkreter Lebensbeziehun
gen ist; jener faßt Tradition, Patriotismus und Religion wesent-