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III. Das Führerproblem.
Die Lebenserfahrung zeigt zweifellos, das; solche
Eigenschaften sehr häufig vorteilhaft sind, um in lei
tende Stellung zu gelangen. Zu den Forderungen, die
eine Theorie der Aristagie stellen muß, gehört auch die,
daß die Wege für die Talente geebnet, ihnen der Auf
stieg erleichtert werden muß, ohne daß sie das Opfer
des Charakters bringen müssen, das heute noch so
häufig von ihnen gefordert wird; zwar nicht offiziell,
aber im Stillen. Nicht uni die „Genies" handelt es
sich, von denen Hammacher z. B. behauptet, daß
unsere Kultur ihnen ungünstig sei; die kommen höch
stens für geistige Führerschaft im großen in Betracht
und die ungeheure Differenzierung der Aufgaben
unserer Kultur ist auch dem Wirken einzelner „Über
menschen" ungünstig, weil kein Einzelner mehr alles
umfassen kann. Sondern gerade um die echten Ta
lente, die weit mehr nottun, als einzelne Wunder
männer, deren Notwendigkeit für eine Kultur erst noch
,;u beweisen wäre. Müssen die zu Führern geeigneten
ihre besten Eigenschaften unterdrücken und zum Opfer
bringen, um hinauf zu gelangen, sich durch Schmeiche
lei (nach oben oder unten), Heuchelei und Charakter
losigkeit empfehlen, uni als nicht gefährlich befunden
zu werden, dann nützt ihr Aufstieg natürlich der Kultur
auch nichts; sie waren zwar vielleicht Aristoi, gehörten
zu den Besten, aber auf deni Spießrntenlauf der Stre
berei haben sie den Charakter eingebüßt, den sie hatten
und sind dann nicht mehr Aristoi, wenn sie oben sind.
Was sich ihnen dabei entgegenstellt und sie zu diesem
Charakteropfer zwingt, ist nun nicht der „Staat" oder
die „Gesellschaft", sondern die Gruppenbildnngen aller
Art, die man mit den Namen Clique, Koterie, Klasse,