Literatur von Descartes an im allgemeinen zu kennen, um sich sofort
zu überzeugen, was für einen zentralen Platz in ihr der Begriff „Ich“
einnimmt. „Ich“, das individuelle Bewußtsein ist entweder das ein-
zige und letzte Fundament alles Übrigen überhaupt (wie bei Fichte,
in einem gewissen Sinne auch bei Descartes, Berkeley und Kant),
oder jedenfalls ein, sozusagen, eigenmächtiges und selbstgenügsames,
innerlich geschlossenes und von allem übrigen unabhängiges Wesen,
das im Gebiete des Geistigen den letzten Stützpunkt für eine konkrete
Realität abgibt. Nun ist aber auch eine ganz andere Geistesauffassung
möglich, in der nicht das „Ich“, sondern das „Wir“ die letzte Grun«d-
lage des Geisteslebens und -wesens bildet. „Wir“ ist nicht als eine
äußere, nur später hinzukommende Synthese oder Zusammenfassung
von mehrern ‚„Ich“en, oder von „Ich“ und „Du“ gemeint, sondern als
ihre ganz primäre unzerlegbare Einheit, aus deren Schoß das „Ich“
erst erwächst und durch die es erst möglich wird. Nicht nur „Ich“
und „Nicht-Ich“, wie es oft behauptet wird, sind Korrelationsbegriffe,
sondern eben solche aufeinander angewiesene Korrelationsbegriffe sind
auch „Ich“ und „Du“, mein Bewußtsein und das mir gegenüber-
stehende und auf mich gerichtete fremde Bewußtsein, und beide zu-
sammen bilden integrierende und von einander nicht abzutrennende
Teile eines primären Ganzen, — des „Wir“. Und nicht nur ist jedes
„Ich“ in einem „Wir“ enthalten und an dasselbe gebunden und be-
zogen, sondern man darf auch sagen, daß in jedem „Ich“ das „Wir“
seinerseits innerlich enthalten ist, weil es eben den letzten Stützpunkt,
sozusagen die tiefste Wurzel und den lebendigen Träger des Ich
bildet. Das „Wir“ ist, kurz gesagt, ein konkretes Ganzes von der Art,
das nicht nur seine Teile in ihm allein existieren können und von ihm
unabtrennbar sind, sondern daß es innerlich seine Teile durchdringt,
und in jedem vollständig anwesend ist. Es handelt sich um eine
folgerichtig durchdachte organische Weltanschauung im Gebiete des
Geistigen. Das „Ich“ in seiner Eigentümlichkeit und Freiheit wird
dadurch aber gar nicht verneint, sondern die Meinung ist eben die,
daß es seine Eigentümlichkeit und Freiheit aus diesem Zusammen-
hange mit dem Ganzen überhaupt erst erhält, daß es sozusagen seinen
Lebenssaft aus der überindividuellen Ganzheit der Menschheit schöpft;
so wie ein Blatt am Baume, das sich äußerlich mit einem andern
Blatte gar nicht oder nur zufällig berührt, innerlich aber durch die
Vermittlung von Zweigen und Ästen mit dem Stamme, als Ganzem
und also auch mit allen übrigen Blättern verbunden ist und ein ge-
meinsames Leben mit ihnen führt (um einen Vergleich zu benutzen, der,
von Plotin stammend, von den russischen Denkern oftmals gebraucht
wird). Was hier verneint wird, ist nur die Unabhängigkeit und Ab-
getrenntheit der „Iche“ von einander und also ihre Selbstgenügsamkeit
und Abgeschlossenheit. Es ist sozusagen eine „Wir-Philosophie“ im
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