Object: Gesellschaftslehre

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dualistische Auffassung recht; nur hat sie dabei zwei gewichtige Tat- 
sachen übersehen: den synthetischen Charakter der hier 
vorliegenden’ Beeinflussungen und Zusammenhänge; und den schöp- 
ferischen Charakter, der dem Gruppenleben wie allem see- 
lischen und geistigen Leben eigen ist. "Durch diese beiden Tatsachen wird 
die Möglichkeit der Erklärung in grundsäglicher Weise eingeengt. Wenn 
dem Individualismus eine Erklärung der Gruppenphänomene aus den In- 
dividuen nach Art einer naturwissenschaftlichen Erklärung vorschwebt, 
30 besteht darin ein grundsäglicher Irrtum, weil in der Welt des Geistes 
nicht die Logik der Naturerkenntnis, sondern eine eigene Logik herrscht. 
Und die Notwendigkeit einer solchen ergibt sich daraus, daß wir es hier 
nicht mit summativen Gebilden, mit Zusammensegungen von Stück- 
charakter, sondern mit echten Ganzheiten oder Individualitäten zu tun 
haben. Eine Erklärung im naturwissenschaftlichen Sinne wendet gene- 
relle Regeln an. Diese aber lassen sich nur anwenden auf Gegenstände 
von generellem Charakter, und auf zusammengesegößte Gebilde dem- 
gemäß nur, soweit diese aus einzelnen Stücken von generellem Cha- 
rakter zusammengefügt sind. Jeder Individualität gegenüber aber ist 
eine Erklärung aus generellen Regeln dem Wesen nach ausgeschlossen. 
Das kleinste Goethesche Gedicht widersegt sich einer solchen wegen 
seiner geschlossenen Einheit. Ebenso ergibt sich das Verständnis eines 
Sages nicht summativ-aus dem Verständnis seiner einzelnen Wörter, 
sondern es entsteht in einer ganz anderen Weise auf der Grundlage 
der vernommenen oder gelesenen Wörter, nämlich als eine schöpferische 
Synthese. Ebenso läßt sich ein Entschluß, der in einer neuen indivi- 
duellen Situation gefaßt wird, nicht summativ aus den maßgebenden 
Tatsachen und Gesichtspunkten ableiten, sondern bedeutet ihnen gegen- 
über wiederum einen schöpferischen Akt von streng individuellem Cha- 
rakter. 
Der Idealtypus der Gruppe und ihr Eigenleben. 
Da alle Gruppen und ebenso die übrigen Objektivgebilde Individuali- 
täten sind, so gilt das Gesagte auch für sie: eine Ableitung im Sinne 
einer strengen Erklärung ihrer Eigenschaften und ihres Verhaltens aus 
ihren Elementen ist nicht möglich. Die Elemente, d. h. die Eigenschaften 
der einzelnen Gruppenmitglieder, kommen immer nur als Bedingungen 
in Frage, die von jeder Individualität stets in ihrer besonderen Weise 
verarbeitet werden und über denen sich die Eigenschaft oder das Ver- 
halten der Gruppe als etwas schöpferisch Neues, Unableitbares erhebt. 
Statt des Erklärens im naturwissenschaftlichen Sinne ist hier überall be- 
kanntlich nur ein Verstehen in dem eben angedeuteten Sinne möglich. 
Man kann dem Geheimnis auch nicht auf die Spur kommen, wenn man 
etwa auf das Entstehen der Gruppe zurückgreifen wollte, Auch wenn die 
Individualitäten der betreffenden Personen, die eine neue Gruppe in
	        
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