77
Hohe See — Begriff.
hohen See mit Ausschluß der Küstengewässer und derjenigen meer
artigen Bildungen, die nicht den Regeln der hohen See unterstehen,
ist verhältnisnräßig neuen Datums. Aber er gilt, wenn auch — z. B.
neuestens von Stier-Somlo — bestritten, in Theorie und Praxis unan
gefochten. Freilich hat es lange gedauert, bis er sich zur Anerkennung
als Satz des universellen Völkerrechts durchgerungen hat. Behauptete
im Mittelalter Venedig für die Adria, Genua für das Ligurische Meer
Alleinherrschaft, konnte Portugal Hoheitsrechte über den ganzen
Indischen Ozean und über den Atlantischen südlich von Marokko,
Spanien über den Stillen Ozean und den Golf von Mexiko auf Grund
einer Bulle des Papstes Alexander VI. in Anspruch nehmen, so hat
trotz seiner liberalen Anschauung unter der Königin Elisabeth, England
Sonderrechte über die Gewässer um England, namentlich über die
Nordsee und den Atlantischen Ozean vom Nordkap bis zum Kap von
Finisterre in Anspmch genommen. Die äußere Form hierfür war es,
wenn von Seiten des britischen Reiches noch zu Beginn des 19. Jahr
hunderts von diese Seegebiete durchfahrenden Schiffen Senken der
Flagge verlangt wurde.
Zunächst ist es die Wissenschaft gewesen, die gegen das Prinzip von
den geschlossenen Meeren Sturm gelaufen ist. Im Jahre 1609 ver
öffentlichte Hugo Grotius eine kleine Schrift „Mare liberum“, die
ein Kapitel seines umfassenderen Werkes „De jure praedae“ darstellt,
in der er sich zugunsten seiner holländischen Heimat dafür einsetzte, daß
die See in keines Staates Eigentum stehen könne, weil sie nicht
okkupationsfähig sei, und daß sie infolgedessen unter keines Staates
Gewalt stehen könne. Trotz des großen Aufsehens, das diese Schrift
erregt hat, gegen die zahlreiche Autoren, namentlich der Engländer
Seiden (mare clausum 1635) in Streitschriften vorgegangen sind, ist
theoretisch der Sieg des Seefreiheitsprinzips erst mit dem Erscheinen
des Buches des Holländers van Bhnkecshoek „De dominio maris“
(1702) entschieden gewesen. In einem Streit mit Rußland im Jahre
1821 hat sich gerade England dazu bekannt.
II. Begriff und Inhalt. Hohe See bezeichnet alle die
jenigen Meere und Meeresteile, die nicht den oben (§ 10,
Abs. Ilb) erwähnten Regeln unterfallen. Die hohe See ist frei,
besagt, daß sie keiner Staatsgewalt unterworfen sein kann, und daß
also insbesondere kein Staat berechtigt ist, über die hohe See als solche
Hoheitsrechte auszuüben. Der Satz beinhaltet nicht, daß auf der hohen