4- Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 75
Lande der Nahrungsspielraum verengern mußte, als man in die Zeit
hineinkam, in der kein neuer Ackerboden mehr gewonnen werden
konnte. So groß waren die Fortschritte in der Landwirtschaft da-
mals nicht, daß man den Boden im Erbgang entsprechend der Zahl
der Söhne immer wieder hätte teilen können, ganz abgesehen davon,
daß bereits in dieser Zeit die Grundherren sich einer solchen Teilung
zu widersetzen begannen. Nachdem die Grundhetrschaft Renten-
quelle geworden war, mußten die Grundherren darauf bedacht sein,
die zinspflichtigen Bauerngüter im Interesse ihrer Leistungsfähigkeit
nicht zu klein werden zu lassen. Schon zuvor waren auch die
Nutzungen an der gemeinsamen Mark von den Markgenossen selbst,
dann aber auch zu ihren Gunsten von den Grundherren eingeschränkt
worden. „Man machte die einfache Beobachtung, daß der vor-
handene Vorrat, so der Wald mit seinen Schätzen, infolge der Zu-
nahme der Bevölkerung sich zu verringern drohte“ 1),
Wenn wir auch keine ausreichenden Angaben über die zahlen-
mäßige Entwicklung der Bevölkerung der deutschen Städte besitzen,
so wissen wir doch, daß in dieser Zeit in ihnen ein beträchtliches
Wachstum stattgefunden hat. Das ist aber in einem solchen Um-
fange nur möglich gewesen, weil eine starke Zuwanderung vom
Lande zu Hilfe kam. Es handelt sich hier um Verhältnisse, wie wir
ihnen ähnlich auch im 19. Jahrhundert begegnen. Wissen wir doch
auch für diese spätere Zeit, für die uns brauchbare Angaben vor-
liegen, daß das Wachstum der Städte in hohem Maße auf der Ein-
wanderung vom Lande beruhte. Bei der hohen Sterblichkeit, die
damals herrschte — es waren dafür noch Zahlen gegeben worden —
konnten die Städte unmöglich aus eigener Kraft in diesem Maße
zunehmen. Für das 17. Jahrhundert hatte J. Graunt für London
festgestellt ?), daß es mehr Sterbefälle als Geburten aufweise und
daß sein Wachstum allein von der Zuwanderung vom Lande her-
rühren könne. Die damalige Blüte der deutschen Volkswirtschaft,
der Aufschwung von Gewerbe und Handel und das Wachstum der
Städte, mußten aber dem Nahrungsspielraum auf dem flachen Lande
wieder zugute kommen. „Wir nehmen einen Aufschwung der Land-
wirtschaft, eine Zunahme des ländlichen Wohlstands (insbesondere
der Bauern) wahr und haben ihn zum beträchtlichen Teil auf die
Städte als willkommene Kunden des Landbaues zurückzuführen 8),
!') Below, a. a. O., S. 67.
*) Natural and political observations , . . Dritte Aufl., London 1665.
X Below, a. a. OS. 88,