4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 77
eine Erscheinung, der wir auch in späteren Zeiten immer wieder
begegnen, z. B. in dem Zeitalter nach den napoleonischen Kriegen
oder in den Jahren nach dem Weltkriege, daß eine Verengerung des
Nahrungsspielraumes sich keineswegs immer in einem Rückgang
der Bevölkerung auswirken muß. Jedenfalls hören wir noch im
16. Jahrhundert von einer starken Zunahme der städtischen Ein-
wohnerzahl. Von diesen Zusammenhängen wird später bei den
Erörterungen über das Wesen der Übervölkerung noch eingehender
zu sprechen sein.
Die Ursachen, auf denen der Umschwung der damaligen deut-
schen Wirtschaftslage nach der ungünstigen Seite hin beruht, sind
verschiedenartig und können an dieser Stelle nur ganz kurz an-
gedeutet werden. Die Eroberung Konstantinopels durch die Türken
im Jahre 1453, die Entdeckung des Seewegs nach Ostindien durch
Vasco de Gama im Jahre 1498, haben dem Handel, besonders
der oberdeutschen Städte nach Italien und nach dem Orient, wesent-
lichen Abbruch getan. An Stelle der italienischen und deutschen
Kaufleute traten im Laufe des 16. Jahrhunderts Engländer, Spanier
und Portugiesen und von da ab datiert der Aufschwung der Länder,
die am atlantischen Ozean lagen; Lissabon und Antwerpen werden
jetzt die Hauptzentren des sich in ganz anderen Bahnen ent-
wickelnden Handels mit dem Orient. Auch die Handelsmacht der
in der Hansa zusammengeschlossenen Städte begann zurückzugehen,
als mit dem politischen und wirtschaftlichen Erstarken andere
Völker an den Gestaden der Nord- und Ostsee der Hansa eine
mächtige Konkurrrenz entstand. Es kam noch hinzu, daß in dieser
Zeit auch die deutschen Edelmetallager langsam zu versiegen be-
gannen, Sombart hat diese Entwicklung in folgenden Worten
geschildert: „Als Hauptursache des Rückgangs der deutschen wirt-
schaftlichen Verhältnisse jener Zeit, soweit sich ein solcher beobachten
läßt, dürften folgende Tatsachen zu nennen sein. Die Länder der
Nord- und Ostsee machen sich von der hansischen Vorherrschaft
frei. Der holländische und der englische Handel gehen sogar dazu
über, ihren Fuß auf deutsches Gebiet zu setzen. Den unteren Rhein
beherrschen zunächst die Spanier, dann die vereinigten Provinzen:
diese Beherrschung der Rheinmündungen durch fremde Mächte drückt
auf den ganzen Rheinhandel. Die niederländisch-spanischen Kämpfe
greifen auf das benachbarte deutsche Gebiet über: am Niederrhein
schen wir in diesen Jahren ein Vorspiel des 30jährigen Krieges, wie
in vielen Beziehungen, so auch in der Störung des Handels. Die
oberdeutschen Handelshäuser erleiden ihren Hauptverlust durch den