Die Gefahren der Sozialisierung
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interessiert, daß die Schaffung von Lrwerbsgelegenheit für sie nur
im Zeitlohn durch Bureaukraten erarbeitet werde."
Die Wirkungen, die jetzt schon bei der Sozialisierung einzelner
Industrien zu beobachten sind, sind natürlich aber erst recht in einem
Zustand zu erwarten, in dem die gesamte Industrie verstaatlicht ist
und von einer staatlichen Zentralstelle aus geleitet wird. Venn das
bedeutet ja zugleich die unbedingte Notwendigkeit, die Arbeiter zu
Beamten zu machen und auf das Ründigungsrecht ihnen gegenüber
zu verzichten, wenn die gesamte Industrie verstaatlicht ist, wenn
es nur noch einen einzigen Arbeitgeber, eben den Staat, gibt, dann
wäre es ja auch eine unerhörte Härte und Grausamkeit, dem Ar
beiter seine Stelle zu kündigen. Vas hieße, ihn zum Hungertode ver
urteilen. Der sozialistische Staat kann daher unmöglich das Diszi
plinarmittel zur Anwendung bringen, dessen mögliche Anwendung
ohne Zweifel heute sehr wesentlich dazu beiträgt, die Arbeitsleistung
zu steigern. An die Stelle der wirtschaftlichen Strafe der Entlassung
vermag der sozialistische Staat nur wirkliche Strafen für unzuver
lässige und untüchtige Arbeiter zu setzen, also Freiheitsentziehungen,
Lohnkürzungen, Entziehung von Urlaub und anderen Vergünstigun
gen usw. Die große Frage ist nun aber, ob die Furcht vor Stra
fen dieser Art dasselbe zu leisten vermag für den Fleiß des Ar
beiters, was heute die Ntöglichkeit der Entlassung auf der einen
und die Aussicht auf vorwärtskommen und höheren Lohn auf der
anderen Seite, oder kürzer gesagt, was der Zustand der wirtschaft
lichen Selbstverantwortlichkeit für die Arbeitsleistung bedeutet. Die
Frage stellen heißt sie verneinen. Ebensowenig wie vom Staats
beamten als Betriebsleiter der gleiche wirtschaftliche Erfolg erwar
tet werden kann wie von dem für eigene Rechnung wirtschaftenden
Unternehmer, ebensowenig darf man von dem in einen Staatsbeamten
verwandelten Lohnarbeiter die gleiche Arbeitsleistung wie vom Lohn-
arbeitet auf Ründigung erwarten, wer anders lehrt, der kennt
die menschliche Natur nicht. Es heißt nicht zu gering von den sitt
lichen Kräften der menschlichen Natur denken, wenn man sie nur