76 1,4. Der Sozialismus
In dem Matze, wie an die Stelle selbständiger Kleinproduzenten die
Arbeitermassen des Großbetriebs traten, mutzte die Stimmung für
den Sozialismus schärfer sich ausprägen. Venn der eigene Betrieb
und der eigene Besitz, wenn er auch nur in einem Stück Land oder
einem kleinen Häuschen besteht, ist noch immer das Mittel, das am
besten gegen die verführerische Kraft sozialistischer Ideen immun
macht. Dezentralisation des Bodenbesitzes oder, anders ausgedrückt,
innere Kolonisation, ist auch unter diesem Gesichtspunkt eine der
wichtigsten Aufgaben der Gegenwart.
wenn man erwägt, wie stark nach dem Gesagten die Versuchung
sein mutz, mit dem Sozialismus an Stelle des herrschenden Systems
eine Probe zu machen, dann mutz man sich eigentlich wundern, daß
uns die Wirtschaftsgeschichte in ihrem uns näher bekannten Verlauf
nicht mehr von ernsthaften' sozialistischen Experimenten zu erzählen
hat. In Nordamerika sind allerdings im Laufe des letzten Jahr
hunderts nach und nach eine ganze Reihe von kleinen Gemeinwesen
auf mehr oder weniger kommunistischer Grundlage begründet wor
den. Diese kommunistischen Gemeinden, deren Mitglieder meist durch
das starke Band einer gemeinsamen religiösen Überzeugung verbun
den sind, können aber hier im Grunde gar nicht als Beispiele heran
gezogen werden. Venn es fehlt ihnen das, was den Sozialismus
erst zu einem Rechtssystem macht: der auf alle Mitglieder des Ge
meinwesens ausgeübte staatliche Zwang, sich der kommunistischen
Ordnung fügen zu müssen. Sie sind freiwillige Bildungen, aus denen
jedermann jederzeit wieder austreten kann, um im großen Gebiet
der Union von neuem nach den Grundsätzen des Individualismus
zu leben.
So bleibt hier eigentlich nur ein einzigesBeispiel für eine auf sozialisti
schen Prinzipien beruhende Wirtschaftsordnung großen Stils aus einem
europäischen Großstaate der Gegenwart anzuführen: das ist die
sozialistische Regelung des Bodenbesitzes in den russischen Dorfge
meinden. In dem größten Teile des ehemaligen russischen Reiches
wurde seither das Bauernland nach dem Recht des „Mir" besessen.