Full text: Der Wirtschaftskampf der Völker und seine internationale Regelung

Die Gegensätze in den grundsätzlichen Anschauungen vom Kriege. 121 
Objekt des Kriegszustandes. Man kann sagen, daß diese Anschauung vom 
Kriege seit den Tagen der französischen Revolution auf dem Kontinent 
zur herrschenden geworden ist. Insbesondere hat im deutsch-französischen 
Kriege von 1871 eine Proklamation König Wilhelms vom 11. August 1870 
ausdrücklich erklärt, daß er mit den französischen Soldaten und nicht 
mit den französischen Bürgern Krieg führe, womit jede aktive Teilnahme 
der Bevölkerung an der militärischen Kriegführung ausgeschlossen werden 
sollte. Diese sollten weiterhin vollkommene Sicherheit für ihre Person und 
ihre Güter genießen. 
Die Bestimmungen der beiden Haager Konferenzen, welche die Be 
dingungen feststellen, unter denen die Milizen und Freiwilligenkorps, ja 
sogar die Bevölkerung des nicht besetzten Gebietes als kriegführend an 
erkannt werden können, beweisen, daß man auch im Notfälle nur an den 
Kampf mit annähernd militärischen Teilen der Bevölkerung dachte. 
In Widerspruch damit steht die englisch-amerikanische An 
schauung vom Kriege. Nach ihr ist der Krieg ein Kampf der Angehörigen 
des einen Volkes mit denen des anderen. Die amerikanischen Instruktionen 
für die Leitung des Feldheeres von 1863 Art. 21 erklären: „The citizen or 
native of a hostile country is thus an enemy, as one of the constituents 
of the hostile state or nations“. Sie beschränken die grundsätzlich zu 
gestandene Schonung des unbewaffneten Bürgers durch die Kriegs 
erfordernisse. Neben dem militärischen geht auch ein wirtschaft 
licher Kampf zwischen den gesamten Volkskräften auf der einen und 
der anderen Seite einher. Diese Anschauung ist von englischen und ameri 
kanischen Autoritäten, deren Aussprüche als Präjudizien verwendet 
werden, wiederholt zum Ausdruck gekommen. Sie ist in den englischen 
Prisenurteilen von Sir Wi 11 i a m S c o 11, in den Lehrbüchern des Völker 
rechts, z. B. in den englischen von Lawrence und Oppenheim, 
in den amerikanischen von K e n t und W h e a t o n vertreten worden. 
Es ist sehr bezeichnend für das Wesen des Wirtschaftskrieges, daß er 
sich zuerst in den Seekriegen Englands ausbildete und auf das 
Streben der Handelsinteressenten zurückging, vorerst den gesamten 
Handel des Feindes zu unterdrücken und ihn durch die wirtschaftliche Not 
zum Frieden zu zwingen. Es ist die Auffassung eines ausgesprochen 
maritimen Handelsstaates, der durch seine Vorherrschaft zur See 
die erforderlichen Machtmittel in der Hand hat. 
In Frankreich sprachen sich Rivier, Despagnet, Pille t, 
Piedelievre gegen die englische Anschauung aus, während Funk- 
Brentano und Sore 1 geradezu die Rechtlosigkeit der feind 
lichen Staatsangehörigen vertraten und einzelne Schriftsteller den eng 
lischen Kriegsbegriff nur für den Seekrieg gelten ließen. 
Nach Ausbruch des Weltkrieges ist die englische Grundanschauung 
vom Kriege insbesondere in der Entscheidung des Court of Appeal vom
	        
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