Kapitel III. Der Marxismus.
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Arbeit unter normalen Bedingungen ein Wertüberschuß des produzierten
Wertes über den verbrauchten Wert hinaus 1 ).
Hiermit kommen wir nun zu dem Kernpunkt der Beweisführung.
Hierin „liegt das Geheimnis der kapitalistischen Produktion enthüllt“.
Man beachte: der durch die Arbeit erzeugte Wert ist der, den der Kapitalist
durch den Verkauf der Erzeugnisse einstreicht, und der von der Arbeit
verbrauchte Wert ist der, den der Arbeiter als Lohn empfängt. Daraus
folgt notwendigerweise, daß der ganze Unterschied zwischen diesen beiden
Werten in den Händen des Kapitalisten zurückbleibt. Während der
Kapitalist das Erzeugnis für 10 Arbeitsstunden (entstandener Wert) ver
kauft, gibt er den Arbeitern nur den Gegenwert von 5 Arbeitsstunden
(konsumierter Wert) und streicht den Überschuß ein. Diesem Überschuß
gibt Marx den berühmt gewordenen Namen Mehrwert 2 ).
Hieraus folgt, daß der Kapitalist 10 Arbeitsstunden des Arbeiters
einsteckt und ihm nur 5 auszahlt 3 ). Mit anderen Worten, der Arbeiter
liefert dem Kapitalisten 5 Stunden unbezahlte Arbeit. Während der
5 ersten Stunden erzeugt er den Gegenwert seines Lohnes, von der sechsten
Stunde an arbeitet er umsonst. Diesen Überschuß nicht bezahlter Arbeits
stunden, die den Mehrwert erzeugen, nennt Marx die Mehrarbeit: er
will damit eine überpflichtige Arbeit bezeichnen, von der der Arbeiter
r ) Dieser Beweis schließt daher ein, daß der vom Arbeiter erhaltene Lohn not
wendigerweise an Wert gleich dem Wert der zu seinem Unterhalt notwendigen Lebens-
Mittel ist. Das ist zuletzt das alte klassische Gesetz eines Turgot und Ricardo (siehe
S- 171 f.), dasselbe, das der Zeitgenosse und Rivale Marx’, Lass alle, mit dem
tönenden Namen des ehernen Lohngesetzes bezeichnete. Marx gibt diesem Gesetz
®*ne angeblich wissenschaftlichere Grundlage, weiter nichts. ,
Dieser Beweis schließt aber auch ein Postulat ein, das ebenfalls bewiesen werdmi
Müßte, nämlich daß die zur Erzeugung des Unterhalts des Arbeitenden notwer«Bk
Arbeitsmenge stets geringer ist, als die, die der Arbeitende liefern k(HHp
was beweist denn ,aber, daß der arbeitende Mensch mehr Wert schafft, als er WP
braucht? Liegt hierin eine Naturnotwendigkeit? — Marx liefert hierfür keinen Beweis
ünd scheint dies als Axiom anzunehmen. Es scheint in Wahrheit durch die Tatsachen j
ünd die Geschichte erwiesen, daß die Arbeit des Menschen nicht in ihrer Gesamtheit
v °n den Notwendigkeiten des Lebens aufgebraucht wird; denn, wenn es so wäre, hätte
s 'ch das Menschengeschlecht niemals vermehren können, hätte es niemals Kapitalien
schaffen können und hätte niemals die Zivilisation, die Frucht der Freizeit, gekannt.
Ist es aber zuletzt nicht der „Reinertrag“ der Physiokraten, den wir hier wieder
inden, nur mit dem Unterschiede, daß er, anstatt ein Privilegium der landwirtschaft
lichen Arbeit zu sein, eine jeder Arbeit anhaftende Eigenschaft ist?
2 ) Siehe oben (S. 200—201) was hinsichtlich Sismondi und seiner Auffassung des
Oberwertes gesagt wird.
3 ) Ist es nötig, darauf hinzuweisen, daß diese Proportion der Hälfte für den Wert
der Arbeitskraft, was 100 % für den Mehrwert vorstellt, hier nur wegen der Klarheit
er Ausführung angewendet wird? Und doch behaupten einige Marxisten, wie Jules
Ouesde, daß sie mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Wahrscheinlich würde Marx
m seiner Schätzung zurückhaltender gewesen sein.
Gide und Rist. Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen. 2. Aufl. 02