Full text : Verkehrsgeographie der Eisenbahnen des europäischen Rußland

256  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

Eine  Bank,  die  sich  auch  im  Höhepunkt  der  Konjunktur  Bewegungsraum ­
  sichern  will,  tut  darum  gut,  bei  Gewährung  von  Anlagekredit
in  geldflüssigen  Zeiten,  soweit  dies  irgend  möglich  ist,  das  Höchstmaß
der  Inanspruchnahme  nach  dem  Maximalbedarf  des  Unternehmers
in  der  vorhergehenden  Konjunktur  abzuschätzen.  Es  läßt  sich  kein
bestimmtes  Verhältnis  zwischen  den  Mitteln  einer  Bank  und  ihren
Anlagen  auf  dem  Kapitalmärkte  konstruieren,  aber  es  ist  für  eine
Bank  bedenklich,  wenn  die  Gesamtsumme  der  Festlegungen  ihre
Bewegungsfreiheit  am  Höhepunkt  der  Konjunktur  hindert;  sie  kommt
dann  leicht  in  die  Notwendigkeit,  sich  durch  Kündigung  der  Kredite
an  Kunden  Luft  zu  machen;  das  vielfach  übliche  Sieben  der  Kreditlisten ­
  in  der  Zeit  der  stärksten  Kapitalanspannung  ist  eine  schwere
Rücksichtslosigkeit,  da  der  durch  die  Kündigung  eines  Anlagekredits
Betroffene  gerade  in  solchen  Tagen  sich  schwer  anderswo  Geld  beschaffen ­
  kann 1 ).“
Auch  für  den  industriellen  Betrieb  gibt  es  hier  je  nach  seiner
Eigenart  ganz  bestimmte  Regeln  des  Handelns,  von  deren  Einhaltung
es  abhängt,  in  welcher  Weise  das  betreffende  Unternehmen  den
kommenden  Konjunkturumschwung  übersteht.  Es  handelt  sich  hier
in  erster  Linie  um  die  An-  und  Verkaufspolitik,  um  den  Umfang  der
Kreditgewährung,  dann  aber  auch  darum,  in  welchem  Maße  das
Unternehmen  selbst  mit  Bankkredit  gearbeitet  und  in  welcher  Weise
es  die  so  gewonnenen  Mittel  im  Betriebe  verwandt  hat.
Ganz  besonders  wichtig  in  diesem  Zusammenhänge  ist  die
Bilanz-  und  D  i  videndenpolitik  der  einzelnen  Unternehmungen. ­
  Es  war  ja  schon  von  ihr  oben  einmal  in  -anderem  Zusammenhänge ­
  die  Rede  gewesen,  als  von  dem  Verhalten  des  Unternehmers ­
  einer  bestimmten  Konjunkturlage  gegenüber  gesprochen
wurde.  An  diese  Darlegungen  kann  das  Folgende  anknüpfen.
In  früheren  Zeiten  hatten  die  meisten  Unternehmungen  in'  Gesellschaftsform ­
  die  Praxis,  möglichst  hohe  Dividenden  zu  verteilen  und
dazu  einen  möglichst  großen  Teil  der  Erträgnisse  des  entsprechenden
Geschäftsjahres  zu  verwenden.  Erst  in  neuerer  Zeit  hat  hier  eine
andere  Praxis  Platz  ergriffen,  indem  immer  mehr  Unternehmungen
dazu  übergingen,  steigende  Teile  ihrer  Erträgnisse  zur  Kräftigung
ihrer  inneren  Lage  und  zur  Bildung  von  Reserven  zu  verwenden.
In  den  einzelnen  Industriezweigen  sind  diese  neuen  Grundsätze  zu
verschiedener  Zeit  zur  Geltung  gekommen.  Eine  Reihe  großer

*)  Somary,  a.  a.  0.  S.  259.
            
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