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zeitig mit der von der Peterhofbahngesellschaft erbauten kurzen Küsten
bahn St. Petersburg—Peterhof eröffnen. Aber schon bei den Arbeiten
der Großen Russischen Gesellschaft wiederholte sich der Vorgang, der
die Baugeschichte der Nikolaibahn kennzeichnete und der in der Ge
schichte des russischen Eisenbahnwesens sich noch häufig zeigen sollte,
daß die Beauftragten nicht das leisten können, was sie eingegangen
waren. Es ist ein Grundzug in der Geschichte des russischen Verkehrs
wesens, daß infolge der außerordentlich hohen Baukosten, welche die
veranschlagten Summen weit übertreffen '), teilweise auf Grund der
Landesfremdheit ausländischer Ingenieure, offenbar aber auch infolge
des Nachlassens der Spannkraft die Arbeiten sich unverhältnismäßig
lange hinziehen, wenn nicht sogar im Verlauf der Bauausführungen ein
Teil der übernommenen Verpflichtungen einfach abgestoßen wird. Das
zeigt auch die Geschichte der Großen Gesellschaft. Sie vollendete
zwar die Petersburg-Warschauer Strecke, in deren Bauplan von jeher
eine Teilstrecke zur ostpreußischen Grenze vorgesehen war 2 ), und
brachte auch ein anderes in ihren Baukontrakt aufgenommenes Projekt,
Moskau—Nischni Nowgorod zur Ausführung (1. August 1862), war aber
schon vorher vom Bau der übrigen Linien entbunden worden. Bald
darauf (1. Januar 1863) vollendete auch endlich die neugebildete War
schau-Bromberger Bahngesellschaft die Strecke von Lowitsch bis zur
preußischen Grenze bei Alexandrowo. Im Anschluß an die Petersburg-
Warschauer Bahn hatte englisches Kapital die Linie Dünaburg-Riga
angelegt (1861 vollendet), über deren Rentabilität schon während
der Ausführung Zweifel geäußert wurden. Ferner war im äußersten
Südosten ohne Zusammenhang mit den anderen Linien die kurze Strecke
Zarizyn—Kalatsch (5. März 1862) geschaffen worden. Kalatsch ist
heute noch der nördliche Endpunkt der eigentlichen Dampfschiffahrt
auf dem Don.
1862 war somit die Wolga erreicht und in Nischni Nowgorod die
Eingangspforte zum östlichen, mordwinischen Rußland. Zum ersten
Male war in diesem Jahre an zwei Stellen der in der damaligen Zeit
auch in Mitteleuropa befolgte Grundsatz des Zusammenwirkens von
Dampfschiffahrt und Eisenbahnen durchgeführt und der ministeriellen
Entscheidung nicht widersprochen (1839), daß da, wo eine bequeme
Wasserstraße vorhanden ist, dieser der Vorzug vor einer Bahnverbindung
zu geben sei 3 ). Konnte doch die Bahn Dünaburg—Riga nicht hiergegen
sprechen, da die Düna für die Schiffahrt nur in sehr beschränkter Weise
in Betracht kommt. Schon in dem Murawiewschen Projekt (1838),
*) Nicht selten, namentlich bei kleineren Aufgaben, kam auch das Anlage
kapital nicht zusammen.
2 ) (Gatschina —)Luga—Dünaburg eröffnet 1860, Dünaburg—Warschau und
(Wilna—)Landwarowo—Wirballen am 27. Dezember 1862.
3 ) ÄEW 10 (1887) S. 56, vgl. auch unten S. 34.