Jede Klassengesellschaft ist ein Mechanismus, der Mehrprodukt
erzeugt, das einem Teil dieser Gesellschaft zur Verfügung
gestellt 1 wird. Dieses Mehrprodukt kann die Form des
Wertes annehmen (z, B, in der kapitalistischen Wirtschaft) oder
einfach Produkt bleiben (Sklavenhalter-Wirtschaft). In dem einen
wie in dem anderen Falle haben wir jedoch einen Prozeß der
Ausbeutung vor uns. Nun stellen wir die Frage ganz allgemein;
wie ist dieser Ausbeutungsprozeß möglich? Wie kann ein System
bestehen, das so gewaltige innere Widersprüche in sich birgt?
Wie kommt es, daß die Gesellschaft, die im Grunde genommen
au§ zwei Gesellschaften (Klassen) besteht, eine relative Einheit
darstellen kann? Mit anderen Worten; wodurch wird die Erhaltung
des relativen sozialen Gleichgewichts, der Stabilität des
sozialen Systems, das auf einer Spaltung des gesellschaftlichen
Ganzen beruht, ermöglicht?
Die Antwort ist klar. Wenn ein solches System existiert,
so muß auch ein Etwas existieren, das als ergänzender Faktor
dient, der die gespaltene Gesellschaft zusammenhält und den
Widerstand der unterdrückten Klassen niederhält (im „grob“
physischen und „fein“ ideologischen Sinne). Kurzum, zur Erhaltung
dieses Systems ist eine Organisation notwendig, die nicht
nur die Dinge, sondern hauptsächlich auch die Menschen beherrscht.
Eine solche Organisation ist der Staat.
Man denke jedoch nicht, daß der Staat etwas sei, was über
der Gesellschaft und über den Klassen stünde. Die Gesellschaft
enthält keinerlei Elemente, die über den Klassen stehen.
Andererseits besteht, wie wir bereits gesehen haben, die Grundfunktion
des Staates in der Erhaltung, Festigung und Erweiterung
des Ausbeutungsprozesses, insofern es sich um die Herrschaft
einer Minorität handelt. Daraus ergibt es sich, daß die Staatsund
Humblot. Seine Kritik findet man bei Kautsky in „Krieg und Kapitalismus"
in der „Neuen Zeit“, 1913, II. B. S. 39.
2 Bucharin: Oekonomik.
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