120 V. Der Klassenhaß und die Soc.-Demokratie.
Bedürfniß - Theorie gemäß das ABC aller ökonomischen
Weisheit, die Ausgaben mit den Einnahmen in der Balance
zu erhalten, gänzlich ignorirte und die Nothwendigkeit der
Bedürfnißvermehrnng zu begründen versuchte. Die Art und
Weise der Ausführung hat er drastisch illustrirt, wenn er
seinem Publikum als Beispiele vorgeführt haben soll: „der
Arbeiter müsse statt 2 Glas Bier deren täglich 4 trinken,-
dadurch werde das Bierbrauergewerbe gefördert, oder, statt
der Kreuzer-Cigarre müsse er eine solche für einen Groschen
ranchen, dadurch werde der Cigarren-Jndustrie Borschub ge
leistet u. s. w. So gestaltet sich in der Praxis die nicht
bloß dem Socialisnlus eigenthümliche Lehre, daß die mög
lichste Steigerung der Konsumtion die Hauptaufgabe der
Bolkswirthschaft und die Vermehrung der Bedürfnisse das
Glück der Einzelnen, wie der Bölker sei. Der Socialismus
weiß aber diese Lehre trefflich für seine Zwecke zn verwerthen
und durch deren Predigt der Unzufriedenheit neue Nahrung
zuzuführen.
Ein weiteres Mittel, den Klassenhaß zu entflammen, ist
die socialistische Lehre vom Arbeitsertrag. Wir gebenden
Satz unbedenklich zu, daß nur die Arbeit einen neuen Werth
erzeugt. Unter Arbeit verstehen wir aber nicht nur die Leistungen
des sogenannten Lohnarbeiters, sondern gleicher Weise auch
die Thätigkeit des Fabrikanten, auch wenn derselbe nicht mit
seinen Arbeitern an der Maschine, oder an der Arbcitsbank
in einer Reihe steht, sondern nur auf die Leitung des Ge
schäfts seine Zeit und Kraft verwendet. Der durch die ver-
einigteArbeit des Arbeitgebers und der Arbeitnehmer neu erzeugte
Werth ist der Arbeitsertrag, der unter Alle bei der Produktion
Betheiligten vertheilt werden muß. Bei der Einzel-Produk
tion fällt natürlich der ganze Arbeitsertrag dem Einzelnen
zu. Der kleine Handwerker, welcher sein Geschäft ohne Mit-