Full text : Das Retablissement Ost- und Westpreußens unter der Mitwirkung und Leitung Theodors von Schön

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etwa  bloß  aus  Achtung  vor  den  unveräußerlichen  Rechten  des  Individuums
oder  in  der  sanguinischen  Hoffnung  Adam  Smiths,  daß  die  freie  Konkurrenz
egoistischer  Interessen  zu  einer  natürlichen  Harmonie  führe,  —  sondern
unter  starker  Betonung  der  erzieherischen  Absicht:  Der  Staat  soll  im  Erwerbsleben ­
  die  Hände  aus  dem  Spiel  lassen,  damit  die  Menschen  das  „Selbstdenken ­
  und  Selbsthandeln"  nicht  verlernen*).  Nur  wenn  der  einzelne  ganz
aus  die  eigene  Kraft  gestellt  ist,  nicht  durch  irgendwelche  Standesrechte
oder  durch  staatlichen  Schutz  vor  den  Folgen  seiner  Handlungen  gedeckt  wirb,
wird  er  das  Höchste  leisten.  Wir  glauben  den  Fichteschen  Begriff  der  Selbsttätigkeit, ­
  des  pflichtbewußten,  durch  die  Überwindung  von  Hindernissen
nur  gestählten  Willens  in  Schöns  wirtschaftlichem  Liberalismus  zu  erkennen,
und  auch  seiner  Beschäftigung  mit  der  Erziehungslehre  Pestalozzis  müssen
wir  gedenken.
Der  Staat  Friedrichs  des  Großen  mit  seiner  Neigung,  die  bestehenden
Besitzverhältnisse  zu  erhalten,  ließ  nach  Schöns  Meinung  die  Energie  des
einzelnen  nicht  zur  Entfaltung  kommen.  Schön  war  ebenso  ein  Gegner
der  Fideikommisse  wie  des  Bauernschutzes.  Er  hat  sich  scharf  gegen  die
Gründung  einer  „Adelskette"  zur  Vertretung  der  Adelsinteressen  ausgesprochen, ­
  weil  „der  Adel,  wenn  er  durch  eine  Kette  gehalten  werden  soll,
nicht  des  Daseins  wert"  sei.  Ganz  verkehrt  schien  es  ihm,  wenn  der  Staat
künstlich  Existenzen  aufrecht  erhielt,  die  auf  so  schwachen  Füßen  standen,
daß  produktive  Arbeit  nicht  mehr  von  ihnen  erwartet  werden  konnte.  Ihnen
gegenüber,  mochten  es  einzelne  oder  ganze  Volksklassen  sein,  stieg  in  Schön
sehr  leicht  die  Stimmung  aus:  was  fällt,  das  soll  man  stoßen.
In  dieser  Überzeugung  wurde  er  bestärkt  durch  den  optimistischen
Glauben,  daß  die  Stelle,  die  ein  wirtschaftlich  Schwacher  verliere,  alsbald
von  einem  Starken  ausgefüllt  sein  werde,  daß  jener  nur  entfernt  werden
müsse,  um  diesem  Platz  zu  machen.  Diese  Meinung  verleitete  ihn  dazu,  in
einen:  gründlichen  Kehraus  den  besten  Anfang  der  sozialen  Reformen  zu
sehen,  die  ihm  vorschwebten.  Schön  hatte  ein  deutlich  ausgeprägtes
Gesellschaftsideal,  das  offensichtlich  durch  Eindrücke,  die  er  in  England
empfangen  hatte,  bestimmt  ist:  ein  Adel,  der  sich  nicht  kastenartig  abschließt, ­
  sondern  in  enger  Verbindung  bleibt  mit  dem  Mittelstand,
darunter  ein  kräftiger  Bauernstand,  während  kleine  Bauern  nach
Schöns  Meinung  „vom  Übel"  sind  und  das  Schicksal  des  ländlichen
Proletariats  ihn  wenig  bekümmert.  Ganz  ein  Kind  des  ungeschichtlichnaturrechtlichen ­
  Jahrhunderts  der  Aufklärung,  das  Verfassungen  „machen"
zu  können  glaubte,  ist  nun  Schön  nicht  frei  von  dem  Wahne,  daß  sich  der
x )  Aus  den  Papieren  III,  106:  „Der  unbedingte  Glaube  an  die  Weisheit  und
Güte  des  Gouvernements,  wie  er  unter  Friedrich  II.  stattfand  und  wie  er  bei  rohen
Völkern  gut  ist,  vernichtet  in  unserem  Volk  alles  Sclbstdenken  und  Selbsthandeln."
            
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