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änderungen unterworfen, daß jede Kulturstufe andere Erscheinungen
zeigen muß, und dieselben natürlichen Ursachen, dieselben politischen
Momente, dieselben gesetzgeberischen Maßregeln in durchaus verschie-
dener Weise zu wirken vermögen,
Damit ist auch die Grenze der Bedeutung historischer Forschung
für die politische Oekonomie gegeben, und es tritt klar zu Tage, daß
sie allein unsere Wissenschaft nicht zu fördern vermag. Wir haben
es mit einer praktischen Wissenschaft zu thun, deren Aufgabe ist, die
gegenwärtigen wirtschaftlichen Vorgänge, wie sie sind, darzulegen und
in ihrem Zusammenhange zu erklären, dann auf Grund dieser That-
zachen Schlüsse für die Aufgaben von Staat und Gesellschaft zu ziehen.
Deshalb ist von der Gegenwart auszugehen und die Geschichte
heranzuziehen, soweit sie zur Erklärung der Gegenwart notwendig ist.
Sie ist, wie wir schon an anderer Stelle dargelegt haben, erst in
zweite Linie zu stellen. Das geschah auch in der Hauptsache von
der älteren historischen Schule, erst die neuere ist darüber hinaus ge-
gangen und hat den Schwerpunkt ‘nationalökonomischer Arbeit in
archivalische Untersuchungen gelegt, die als historische ihre außer-
ordentliche Bedeutung haben und als Bausteine für die Zukunft dank-
bar zu acceptieren sind, die außerdem — das ist nicht zu unter-
schätzen — ein vorzügliches Mittel zur Schulung der jüngeren Gelehrten
bilden. Aber die Zustände in alter Zeit sind von den unsrigen viel
zu verschieden, als daß sich davon Ausreichendes für das Verständnis
der Gegenwart gewinnen ließe. Die Geschichte muß für die politische
Oekonomie nur eine Hilfswissenschaft bleiben, die letztere darf
aber nicht in der ersteren aufgehen.
Man hat der historischen Schule vorgeworfen, daß sie nur fördernd Stellung zur
auf die Theorie zu wirken gesucht und die Volkswirtschaftspolitik ver- Volkswirt-
nachlässigt habe; und richtig ist es, daß seit Rau eine systematische Schafts-
Bearbeitung der Volkswirtschaftspolitik erst in dem Schönbergschen Politik,
Handbuch zu finden ist, dann von Philippovich in seinem Grund-
iß geboten wurde; ebenso daß Roscher erklärte, die Aufgabe der
Wissenschaft nur in der Darstellung zu sehen. Aber er erstreckte
diese Darstellung doch auch ausdrücklich auf die Gesetze und An-
stalten, welche zur Förderung der Volkswirtschaft bestimmt sind,
und zwar in den verschiedenen Ländern; er schloß daran die Unter-
suchung, wie dieselben gewirkt haben und suchte durch die Ver-
gleichung der Verhältnisse der verschiedenen Länder ein kritisches
Urteil daraufhin zu ermöglichen. Er vermied es allerdings, auf
schwebende Tagesfragen einzugehen und mit einem eigenen Urteil
darüber hervorzutreten. Das hat aber auch seine vollständige Be-
rechtigung. In den Lehrbüchern soll nur zusammengestellt werden,
was einigermaßen als wissenschaftlich abgeschlossen und als dauernde
Errungenschaft der Zeit anzusehen ist, nicht aber, was nur rein
hypothetisch zu behandeln ist. Wenn man außerdem erwägt, daß auf
allen deutschen Kathedern seit Dezennien die praktische National-
ökonomie vorgetragen wurde und dieses auch von den Vertretern der
alten historischen Schule geschah, und dabei berücksichtigt, daß ge-
rade solche Vorlesungen in anderen Ländern bis in die neueste Zeit
hin fast vollständig gefehlt haben, so wird man jene Beschuldigung,
daß die historische Schule nur einseitig theoretisch vorging, als völlig
unbegründet zurückweisen müssen, Der zweite und dritte Band des
Roscherschen Lehrbuches enthalten das Material in überreicher Fülle,
DR