Full text : Aktive Währungspolitik

privat-  und  volkswirtschaftliche  Bedeutung  der  Preisschwankungen.

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10  Millionen  Kaufleute,  Handwerker,  Unternehmer,  alle  preise  zu  revidieren,-und
  wieviel  Fehler  mögen  bei  dieser  Neuberechnung  unterlaufen!  Und  wenn
die  preise  wenigstens  auf  der  ganzen  Linie  gleichmäßig  anziehen  wollten,  so
könnte  man  durch  einen  gleichmäßigen  Teuerungszuschlag  (Agio)  die  Sache
erledigen.  Aber  aus  den  oben  angeführten  und  vielen  anderen  Gründen  ist
das  nicht  der  Fall.  Die  natürliche,  durch  die  Produktionskosten  beherrschte
Rangordnung,  in  der  die  preise  stehen,  wird  zerrissen.  Bei  einzelnen  Waren
(den  sehr  feinen  und  sehr  groben),  geht  die  Nachfrage  und  der  preis  zurück,
und  um  so  stärker  wächst  die  Nachfrage  der  anderen.  Schließlich  werden
alle  preise  durcheinander  geworfen  und  der  Begriff  der  Mark  d.  R.  W.,
der  bei  allen  immer  nur  aus  einer  Reihe  bekannter  Warenpreise  besteht
(anders  kann  auch  die  sogen.  Werteknheit  nicht  aufgefaßt  werden),  verwildert
und  geht  völlig  verloren.  Niemand  weiß  mehr,  was  eine  Mark  noch  gilt.
Alle  Beziehungen  des  Geldes  zu  den  Waren  werden  getrübt,  und  im
Trüben  läßt  sich  gut  fischen.  Die  öffentliche  Kontrolle  der  preise  durch  das
Publikum  geht  völlig  vorloren,-  die  Kaufleute  nehmen  diese  Unwissenheit
wahr  und  plündern,  übervorteilen  das  Publikum.  Das  zeitraubende  Handeln
in  den  Läden  wird  allgemeine  Sitte,  und  die  Kosten  dieser  Sitte  werden
auf  die  Warenpreise  geschlagen.  Die  Bruttoprofitrate  der  Kaufleute  geht
in  die  Höhe.  Dabei  gewinnt  die  Nettoprofitrate  wenig,-  denn  wenn  auch
durch  den  Verlust  der  öffentlichen  Kontrolle  die  preise  infolge  der  durch
die  Banknoten  bewirkten  Markt-  und  Preisanarchie  die  Profitrate  erheblich
steigt,  so  löst  diese  Steigerung  eine  größere,  schärfere  Konkurrenz  aus,  die
zur  einzigen  Folge  hat,  daß  der  Absah  der  einzelnen  Kaufleute  vermindert
wird.  Der  Profit  an  den  verkauften  Waren  steigt  mit  der  Unstetigkett  der  preise
zum  Nachteil  des  Publikums  und  zu  niemandes  Vorteil,  da  sich  dieser  Profit
auf  eine  größere  Anzahl  Kaufleute  verteilt,  die  eine  größere  Masse  Arbeit  zu
verrichten  haben.  (Feilschen  des  Publikums,  Preisausrechnen  usw.,  Lagerhüter.)
Dem  aufmerksamen  Beobachter  entgeht  es  nicht,  daß  der  Sinn  für  den  Wucher,  den
Schacher,  das  Glücksspiel,  das  arbeitslose  Einkommen  im  deutschen  Volke  mächtig  im  Zunehmen
begriffen  ist.  Wäre  dieser  Schachergeist  ein  spezifischer  Lharakterzug  der  Juden  (was  er  nach
unserer  Beobachtung  durchaus  nicht  ist),  so  könnte  man  die  Behauptung  der  Antisemiten,  daß
das  deutsche  Volk  verjüdelt  sei,  gelten  lassen.  Aber  die  „Verjüdelung"  haben  weniger  die  Juden,
als  die  Reichsbank  (im  Grunde  genommen  die  Metallwährung)  verursacht.  Jedes  Volk  paß«
sich  den  Verhältnissen  an,  und  wenn  die  Reichsbank  mit  ihrer  auf  Hausse  und  Baisse,  auf  immerwährende ­
  Differenzen  gerichteten  Politik  den  Schacher  großzieht,  so  darf  man  sich  nicht  wundern,
daß  zuletzt  selbst  der  schönste  Arier  schäbig  wird  *).
Schmoller  sagt:
„In  einer  Zeit,  in  der  die  Vermittlungstätkgkeit  (Handel)  in  der  Gesellschaft  von
Z  und  5  auf  11  und  13°/o,  ja  teilweise  auf  Zi  o/o  der  Selbsttätigen  gestiegen  ist,  in  der
diese  Vermittlung  einen  steigenden  Teil  der  preise  ausmacht."  Artikel:  Der  Handel  im
ly.  Jahrhundert.  (D.  Woche,  S.  1^7.)
Das  mag  ganz  richtig  sein  und  stimmt  mit  den  Beobachtungen  überein,  die  jeder  für  seine
Rechnung  heute  machen  kann.  Aber  Schmoller  hat  für  diese  Erscheinung  keine  Erklärung,-  sie  ist
ihm  rätselhaft,  wie  allen,  die,  wie  er,  das  Studium  des  Geldwesens  vernachlässigen.  Das  Geld
ist  die  Grundlage  des  Tausches  und  darum  der  Schlüssel  aller  Rätsel.

i)  Das  alles  war  1909  geschrieben  und  bezog  sich  auf  die  Hochkonjunktur  der  damaligen
Zeit,  die  im  Verlauf  von  20  Jahren  die  preise  20—jOv/o  gehoben  hatte.  Jetzt  braucht  man
kein  „aufmerksamer"  Beobachter  zu  sein,  um  die  Richtigkeit  dieser  Sähe  zu  erkennen.
            
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