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4. Buch. V. Teil. Die Steuern.
stärkeren Besteuerung der wenigen höheren Einkommen steht die
mäßige Besteuerung der zahlreichen kleinen Einkommen.
13. Ein häufig betontes Gegenargument — von dem Say,
Martello und Andere Erwähnung tun — hebt hervor, daß der
progressive Steuerfuß eigentlich ganz willkürlich ist. Auch dieses
Argument steht auf schwachen Füßen. Die Erhöhung des pro
gressiven Steuerfußes kann nach solchen Einheiten geschehen
welche als Gradmesser der zunehmenden Steuerkraft betrachtet
werden können und kann bei einem Punkte aufhören, wo eine
weitere Steigerung eine wesentliche Änderung in der Steuerkraft
nicht weiter hervorruft. Freilich mit mathematischer Genauigkeit
lassen sich die Stufen nicht festsetzen, das gilt aber auch von
anderen Erscheinungen des wirtschaftlichen Lebens und der staat
lichen Finanzen. Say, der den progressiven Steuerfuß hauptsächlich
wegen seiner Willkürlichkeit angreift, da der Steuerfuß hundert
fältig sein kann, vergißt, daß ja jeder Steuerfuß, jede Gebühr
willkürlich ist. Kein positiver Steuersatz, keine Taxe ist mathema
tisch notwendig und könnte ebenso höher als niedriger sein. Ob
ein Steuersatz 3, 5, 10 oder 80 Prozent eines Einkommens in An
spruch nehmen soll, das läßt sich naturgesetzlich nicht beweisen,
das ist Sache menschlicher Einsicht, die nicht gleichbedeutend ist
mit Willkür.
Sehr richtig weist bei dieser Frage Neumann darauf hin, daß
wir im ganzen staatlichen und Bechtsleben solche willkürliche
Satzungen finden, also nicht rein logisch beweisbare und zu moti
vierende positive Bestimmungen, so auch bei den Strafen, bei Fest
setzung des Pflichtteiles, bei Festsetzung gewisser Termine, bei
Festsetzung der Volljährigkeit usw.
Praktisch läßt sich der progressive Steuerfuß gewiß auf ganz
rationelle Basis legen. Auch jener Vorwurf, daß die Progression,
nachdem sie bei einem gewissen Punkte innehalten muß, Unge
rechtigkeiten hervorruft, während sie ja eben berufen wäre, Unge
rechtigkeiten zu beseitigen, ist ungerechtfertigt. Kein Prinzip ver
trägt seine äußersten Konsequenzen. Gerade die Logik zwingt bei
einem gewissen Punkte innezuhalten. Daraus entspringt keine Un
gerechtigkeit, da, wie bereits bemerkt, über einen gewissen Punkt
hinaus das weitere Anwachsen des Einkommens praktisch fühlbare
Veränderung in der Steuerkraft und in der wirtschaftlichen Lage
des Individuums nicht hervorruft. Trotzdem ist es wieder Über
treibung, wenn Wicksell behauptet, daß die Auffassung, wonach
über einen gewissen Punkt hinaus die wirtschaftliche Kraft des
Eigentums fast unveränderlich bleibt, dazu führt, daß von da ab