Full text: Finanzwissenschaft

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4. Buch. V. Teil. Die Steuern. 
ausgesetzte Fall zu den Ausnahmen gehört und daß bei großer 
Gleichheit der Verhältnisse in der Tat der progressive Steuerfuß 
keine Funktion zu erfüllen hat. Dies führt zu folgendem hinüber. 
16. Der progressive Steuerfuß hat selbstverständlich nur dort 
größere Bedeutung, wo sich in der materiellen Lage der Staats 
bürger große Disparitäten zeigen. Schriftsteller, wie Leroy-Beaulieu, 
Boccardo und Andere begründen ihre Gegnerschaft gegen den 
progressiven Steuerfuß auch damit, daß die Ungleichheiten im Ein 
kommen immer mehr schwinden. Die dieser Auffassung nicht 
huldigen, halten den progressiven Steuerfuß um so gerechtfertigter 
— wie dies auch Neumann sagt — weil die großen Einkommen 
leichter zu verheimlichen sind, wie die kleinen. Als gewiß kann 
angenommen werden, daß die Besitzer großer Einkommen niemals 
oder nur äußerst selten mehr Steuern zahlen als gerechtfertigt, da 
sie eine größere Orientiertheit besitzen und ihnen alle Waffen der 
Verteidigung zur Verfügung stehen, während der kleine Mann in 
dieser Beziehung viel ungeschickter ist. 
Außer diesen praktischen Gesichtspunkten mag auch der Um 
stand zur Beruhigung dienen, daß die verschiedensten Bichtungen 
der Steuertheorie zur Forderung der progressiven Besteuerung ge 
langten: sowohl diejenigen, die die Steuer als Gegenleistung für die 
vom Staate gebotenen Vorteile betrachten, als diejenigen, die deren 
Maß in der Leistungsfähigkeit der Staatsbürger erblicken, neuer 
dings auch diejenigen, die die Progression vom Standpunkte der 
Grenznutzentheorie untersuchten (Sax); denn nachdem der Wert 
der Güter mit deren Menge abnimmt, so fordert das Gleichheit 
der Opfer, daß die Steuer der größeren Einkommen in progressiver 
Weise zunehme. Wagner empfiehlt die Progression auch zu dem 
Zwecke, daß die ungeeigneten Luxussteuern abgeschafft werden 
sollen. Die neuere Zeit gelangt von zwei Seiten zu dem Begriff 
des progressiven Steuerfußes: einerseits ist derselbe das notwendige 
Postulat der Besteuerung nach der Tragfähigkeit, dann ist derselbe 
Postulat der politischen Bichtung der Neuzeit. Wenn Stein mit 
Besorgnis daran erinnert — obwohl auch er für eine mäßige Pro 
gression ist —, was in Zukunft ein Parlament mit sozialdemokra 
tischer Mehrheit beschließen könnte, so kann dagegen darauf hin 
gewiesen werden, daß eben die Schonung der unteren Klassen bei 
den direkten Steuern, wo doch auf dem Gebiete der indirekten 
Steuer es nicht an Fällen der Progression nach unten fehlt, die 
Gefährlichkeit jener Majorität zu vermeiden vermag. Übrigens 
stehen wir schon inmitten der von Stein befürchteten Entwicklung, 
deren Folgen bald zu konstatieren sein werden.
	        
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