Full text : Finanzwissenschaft

292

4.  Buch.  V.  Teil.  Die  Steuern.

ausgesetzte  Fall  zu  den  Ausnahmen  gehört  und  daß  bei  großer
Gleichheit  der  Verhältnisse  in  der  Tat  der  progressive  Steuerfuß
keine  Funktion  zu  erfüllen  hat.  Dies  führt  zu  folgendem  hinüber.
16.  Der  progressive  Steuerfuß  hat  selbstverständlich  nur  dort
größere  Bedeutung,  wo  sich  in  der  materiellen  Lage  der  Staatsbürger ­
  große  Disparitäten  zeigen.  Schriftsteller,  wie  Leroy-Beaulieu,
Boccardo  und  Andere  begründen  ihre  Gegnerschaft  gegen  den
progressiven  Steuerfuß  auch  damit,  daß  die  Ungleichheiten  im  Einkommen ­
  immer  mehr  schwinden.  Die  dieser  Auffassung  nicht
huldigen,  halten  den  progressiven  Steuerfuß  um  so  gerechtfertigter
—  wie  dies  auch  Neumann  sagt  —  weil  die  großen  Einkommen
leichter  zu  verheimlichen  sind,  wie  die  kleinen.  Als  gewiß  kann
angenommen  werden,  daß  die  Besitzer  großer  Einkommen  niemals
oder  nur  äußerst  selten  mehr  Steuern  zahlen  als  gerechtfertigt,  da
sie  eine  größere  Orientiertheit  besitzen  und  ihnen  alle  Waffen  der
Verteidigung  zur  Verfügung  stehen,  während  der  kleine  Mann  in
dieser  Beziehung  viel  ungeschickter  ist.
Außer  diesen  praktischen  Gesichtspunkten  mag  auch  der  Umstand ­
  zur  Beruhigung  dienen,  daß  die  verschiedensten  Bichtungen
der  Steuertheorie  zur  Forderung  der  progressiven  Besteuerung  gelangten: ­
  sowohl  diejenigen,  die  die  Steuer  als  Gegenleistung  für  die
vom  Staate  gebotenen  Vorteile  betrachten,  als  diejenigen,  die  deren
Maß  in  der  Leistungsfähigkeit  der  Staatsbürger  erblicken,  neuerdings ­
  auch  diejenigen,  die  die  Progression  vom  Standpunkte  der
Grenznutzentheorie  untersuchten  (Sax);  denn  nachdem  der  Wert
der  Güter  mit  deren  Menge  abnimmt,  so  fordert  das  Gleichheit
der  Opfer,  daß  die  Steuer  der  größeren  Einkommen  in  progressiver
Weise  zunehme.  Wagner  empfiehlt  die  Progression  auch  zu  dem
Zwecke,  daß  die  ungeeigneten  Luxussteuern  abgeschafft  werden
sollen.  Die  neuere  Zeit  gelangt  von  zwei  Seiten  zu  dem  Begriff
des  progressiven  Steuerfußes:  einerseits  ist  derselbe  das  notwendige
Postulat  der  Besteuerung  nach  der  Tragfähigkeit,  dann  ist  derselbe
Postulat  der  politischen  Bichtung  der  Neuzeit.  Wenn  Stein  mit
Besorgnis  daran  erinnert  —  obwohl  auch  er  für  eine  mäßige  Progression ­
  ist  —,  was  in  Zukunft  ein  Parlament  mit  sozialdemokratischer ­
  Mehrheit  beschließen  könnte,  so  kann  dagegen  darauf  hingewiesen ­
  werden,  daß  eben  die  Schonung  der  unteren  Klassen  bei
den  direkten  Steuern,  wo  doch  auf  dem  Gebiete  der  indirekten
Steuer  es  nicht  an  Fällen  der  Progression  nach  unten  fehlt,  die
Gefährlichkeit  jener  Majorität  zu  vermeiden  vermag.  Übrigens
stehen  wir  schon  inmitten  der  von  Stein  befürchteten  Entwicklung,
deren  Folgen  bald  zu  konstatieren  sein  werden.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.