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Stunden schafft, dann bleiben noch vier Stunden, die er für den Unter
nehmer allein arbeitet. Das wäre dann also ein Wert von 2 Mk. Verlangt
jetzt der Arbeiter eine Lohnerhöhung bort 50 Pf., so blieben für den Unter
nehmer bei gleicher Arbeitsleistung nur noch Mk. 1'50. Denn von dem
ganzen neu erzeugten Wert von 5 Mk. fallen jetzt Mk. 3T>0 dem Arbeiter
zu, es bleiben also Mk. 1'50 für den Unternehmer übrig. Genau das gleiche
wird aber erzielt, wenn der Lohn gleichbleibt, die Arbeitszeit aber um eine
Stunde vermindert wird. Dann erzeugt der Arbeiter nach wie vor in sechs
Stunden den Wert seines Lohnes, und in den restlichen drei Stunden er-
zeugt er für den Unternehmer einen Wert von Mk. 1'50. In beiden Fällen
kommt also genau das gleiche heraus, ich kann daher nicht einsehen, warum
das den Unternehmern nicht ganz gleil- sein sollte."
„Nun, das haben wir ja gerade gesehen", erwiderte Karl. „Je mehr
Zeit die Arbeiter für sich haben, um so besser können sie sich geistig werter-
bilden, und um so besser können sie sich vor tiHetn organisieren. Da ist es
doch begreiflich, daß die Unternehmer dagegen sind."
„Etwas ist schon an dem, was du da sagst," erwiderte ich, „aber maß- '
gebend für die Unternehmer sind doch in erster Linie andere Erwägungen,
die ihnen noch viel näher liegen. Du hast nämlich, Wilhelm, vor allem bet
deiner Rechnung einen wichtigen Umstand ausgelassen. Wir haben icx ge
sehen, daß der Wert einer Ware nicht nur von der Arbeit abhangt, die un
mittelbar zu ihrer Herstellung notwendig war, sondern auch von dem Wert
des Rohmaterials und von der Abnutzung der Maschinen, Werkzeuge u. s. w.
Der Wert dieser Arbeitismittel muß ersetzt sein, bis dtese abgenutzt sind.
Nehmen wir an, eine Maschinenanlage habe 300.000 Mk. gekostet und ihre
Lebensdauer sei zehn Jahre, das heißt, nach durchschnittlich zehn Jahren
sind diese Maschinen aufgebraucht, dann müssen sie zum alten Ersen geworfen
werden. Ist das der Fall, dann müssen in jedem Jahre 30.000 Mk. ersetzt
werden oder, das Jahr zu 300 Arbeitstagen gerechnet, in einem Tage müssen
100 Mk. ersetzt werden, das heißt, um soviel müssen die in diesem Tage er
zeugten Waren teurer verkauft werden, damit am Schluß der zehn Jahre
der Wert der Maschinenanlage wieder voll hereingebracht ist."
„Aha, ich verstehe schon", unterbrach mit da Wilhelm. „Diese 100 Mk.
inüssen täglich ersetzt werden, gleichviel, wieviel Waren hergestellt worden
sind. Wenn also nur neun Stunden statt zehn gearbeitet wird, so muß auch
in diesen neun Stunden dieser Ersatz von 100 Mk. geschaffeit werden. Aber
wie ist denn das möglich?"
„Es müssen eben", antwortete ich, „die Preise für das Stück erhöht
werden. Früher mußte das Arbeitsprodukt einer Stunde mit 10 Mk. be
lastet werden, damit in zehn Arbeitsstunden die 100 Mk. hereingebracht
werden, jetzt aber muß auf das Produkt jeder Arbeitsstunde mehr als
11 Mk. aufgeschlagen werden, damit sich die 100 Mk. schon in neun Stunden
erzielen lassen. Die betreffende Ware muß daher verteuert werden und das
erschwert ihren Absatz, oder der Unternehmer muß auf einen Teil fernes
Gewinnes verzichten und dafür die Preise so weit herabsetzen, daß er wieder
so wie früher verkaufen kann. Sowieso hat er also einen noch größeren
Schaden als bei der Erhöhung der Löhne seiner Arbeiter, und es ist daher
begreiflich, daß er sich dagegen noch heftiger sträubt."
„Danach wäre also", meinte Karl wieder, „jede Verkürzung der Ar
beitszeit ein schwerer Schaden für den Unternehmer."