Full text : Kapitalismus und Sozialismus

„Und  gerade  daher  kommt  es/'  belehrte  Wilhelm  seinen  Freund,  „dass
der  Profit  überall  gleich  ist;  denn  sobald  er  in  irgendeinem  Geschäftszweig
höher  ist  als  in  dem  andern,  strömt  sofort  mehr  Kapital  dorthin,  weil  alle
Kapitalisten  natürlich  an  dem  höheren  Gewinn  ihren  Anteil  haben  wollen.
Dadurch  wird  dort  der  Profit  wieder  herabgedrückt/'
„Ja,  das  sagst  du  so",  erwiderte  Karl.  „Wieso  wird  denn  der  Profit,
wie  du  das  nennst,  hcrabgcdrückt,  weil  mehr  Kapitalisten  sich  dem  betreffenden ­
  Geschäftszweig  zuwenden?"
„Nun,  das  ist  doch  sehr  einfach",  entgegn  etc  Wilhelm.  „Wenn  mehr
Kapital  sich  zum  Beispiel  der  Hutmacherei  zuwendet,  dann  werden  eben
mehr  Hüte  erzeugt,  das  Angebot  steigt,  und  infolgedessen  fallen  die  Preise.
Wenn  aber  die  Löhne  unverändert  bleiben,  dann  muß  der  Gewinn  des
Unternehmers,  sein  Profit,  sinken."
„Ja,  dann  werden  aber  doch",  cntgegnete  Karl  nachdenklich,  „die  Hüte
billiger  verkauft,  als  ihr  Wert  ist."
„Das  ist  aber  doch  nur  vorübergehend",  erwiderte  Wilhelm.^„Das
gilt  nur  so  lange,  bis  der  Vorteil  der  Hutmacher  ausgeglichen  ist.  Sobald
der  Prosit  in  der  Hutmacherei  nicht  mehr  größer  ist  als  in  den  anderen
Gewerben,  strömt  ja  kein  Kapital  mehr  dorthin.  Vielleicht  war  früher
gerade  zufällig  eine  besonders  starke  Nachfrage  nach  Hüten  gewesen,  vielleicht ­
  ist  gerade  eine  neue  Forn:  in  Mode  gekommen.  Dadurch  haben  die
Hutmacher  eine  Zeitlang  die  Hüte  über  ihren  Wert  verkaufen  können;  jetzt
find  l'o  viele  aus  den  Markt  gebracht  worden,  daß  sie  wieder  billiger  geworden ­
  sind.  So  gleicht  sich  das  immer  wieder  aus.  Das  haben  wir  gerade
vorige  Woche  in  unserer  Handelsschule  gelernt,  und  das  ist  auch  gewiß
wahr."
Karl  versank  in  tiefes  Sinnen.  Plötzlich  wandte  er  sich  an  Wilhelm:
„Ja,  aber  gilt  denn  das  nicht  geradeso  für  unser  Beispiel?  Wenn  die
Schneider  ein  so  viel  besseres  Geschäft  machen  als  die  Maschinenfabrikanten,
dann  werden  eben  mehr  Kapitalisten  ein  Schneidergesck>äst  errichten  und
weniger  Kapital  wird  in  die  Maschinenfabriken  gesteckt  werden."
„Da  ist  aber  doch  ein  großer  Unterschied",  erwiderte  Wilhelm.^  „Die
Kapitalisten  gehen  immer  dorthin,  wo  mehr  zu  verdienen  ist.  Das  ist  einmal ­
  in  diesem,  einmal  in  jenem  Geschäft  oder  Geschäftszweig  der  Fall.  ^Jst
heute  zum  Beispiel  die  Hutmacherei  besonders  gewinnbringend,  so  strömt
das  Kapital  so  lange  hin,  bis  der  Preis  der  Hüte  so  weit  gesunken  ist,  daß
jetzt  etwa  die  Korbflechterei  mehr  Profit  einbringt  als  die  Hutmacherei.
Sofort  wendet  sich  jetzt  das  Kapital  wieder  von  der  Hutmacherei  ab  und
der  Korbflechterei  zu  und  so  geht  das  fort.  Wenn  aber  der  Unterschied  ausgeglichen ­
  werden  soll,  von  dem  wir  vorhin  gesprochen  haben,  wenn  der
Maschinenfabrikant  immer  denselben  Profit  haben  soll  wie  das  Kleidergeschäft, ­
  dann  müßte  ja  immerfort  zu  viel  Kapital  in  der  Schneiderei  und
zu  wenig  in  der  Maschinenfabrikation  stecken,  dann  müssten  die  Maschinen
immerfort  teurer  verkauft  werden,  als  sie  wert  sind  und  die  Kleider  immerfort ­
  billiger.  Das  ist  aber  doch  ein  Unsinn.  Da  kann  ich  mir  viel  eher  vorstellen, ­
  daß  eben  die  Arbeiter  in  der  Maschinenfabrik  nur  kurze  Zeit  für
stch  und  längere  Zeit  für  den  Unternehmer  arbeiten.  Wenn  sie  also,  wie  es
im  Belspiel  vorhin  war,  1000  Mk.  Lohn  bekommen,  schaffen  sie  vielleicht
nicht  1000  Mk.  für  den  Kapitalisten,  sondern  2000  Mk.  Das  würde  dann
ganz  gut  erklären,  wieso  das  etwa  doppelt  so  große  Kapital  des  Maschinensabrikanten
  auch  den  doppelten  Profit  trägt,  2000  Mk.  statt  1000  Mk."
            
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