Full text : Frédéric Le Play in seiner Bedeutung für die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode

28

So  ist  die  Erfahrnngsweisheit  der  „sozialen  Autoritäten“,  welche  in
der  Praxis  tätig  sind,  in  ihrer  tiefsten  Wurzel  nicht  verschieden
von  dem  eigenen  Verfahren  Le  Play’s,  womit  selbstverständlich  die
Unterschiede  zwischen  den  systematischen  wissenschaftlichen  Untersuchungen ­
  Le  Play’s  und  den  praktischen  Erfahrungen  seiner  Gewährsmänner ­
  nicht  verwischt  werden  sollen.
Um  die  Erfahrungen  der  Praxis  kennen  zu  lernen,  versuchte
Le  Play  ohne  jede  vorgefaßte  Überzeugung  sich  durch  Beobachtung
an  Ort  und  Stelle  ein  eigenes  Urteil  zu  bilden.  Diese  Methode
der  „direkten  Beobachtung“  stellte  er  der  amtlichen  statistischen ­
  Erhebungsweise  gegenüber:
„Die  Statistik  hat  bis  heute  zur  Hauptgrundlage  die  zahlenmäßigen
Angaben,  die  die  Steuerverwaltung,  Landesverteidigung,  Gerichtsverwaltung
usw.  betreffen  und  vom  Staate  beschafft  werden.  Sie  wird  besonders  in  den
Staaten  angewendet,  wo  die  Zentralisation  der  Verwaltung  sehr  entwickelt  ist,
wo  die  Eegierung  mit  Hilfe  ihrer  Beamten  Funktionen  ausübt,  die  anderswo
Privatleuten  anvertraut  sind,  und  wo  sie  zum  wenigsten  durch  Überwachung
in  die  hauptsächlichsten  Zweige  der  nationalen  Tätigkeit  eingreift.  Die
Resultate,  die  die  Eegierung  im  Laufe  ihrer  Tätigkeit  erzielt,  sind  wirkliche
Beobachtungen,  denen  ihr  gemeinsamer  offizieller  Ursprung  das  besondere  Gepräge ­
  der  Eichtigkeit  gibt.  Die  Statistiker  haben  es  sich  zur  Aufgabe  gemacht,
diejenigen  dieser  Eesultate,  die  sich  ziffernmäßig  ausdrücken  lassen,  nebeneinander ­
  zu  stellen,  und  sie  haben  daraus  genügende  Mittel  gewonnen,  um  unter
gewissen  Verhältnissen  die  relative  Stärke  der  Staaten  zu  vergleichen.
Indessen  haben  diese  Vergleiche  nicht  immer  die  wünschenswerte  Genauigkeit ­
  und  Ausdehnung.  Die  Statistiker  haben  keine  Mittel  direkter  Beobachtung ­
  zur  Verfügung  und  sie  müssen  sich  mit  denen  begnügen,  die  zu
einem  der  Wissenschaft  fremden  Zweck  ins  Werk  gesetzt  sind:  sie  können
die  wesentlichsten  Zweige  der  sozialen  Tätigkeit  nicht  erfassen,  die  immer  der
Privatinitiative  anvertraut  sind,  selbst  in  den  Staaten,  wo  die  staatliche
Tätigkeit  sehr  weit  ausgedehnt  ist.  Die  Versuche,  die  landwirtschaftlichen,
industriellen  und  Handelsunternehmungen  statistisch  zu  erfassen,  sind  gewöhnlich ­
  gescheitert.  Vergeblich  hat  man  versucht,  die  Lücken  durch  einen  Appell
an  den  guten  Willen  der  privaten  und  der  industriellen  Gesellschaften  auszufüllen, ­
  oder  hat  den  Beamten  staatliche  Vollmacht  gegeben,  die  Erhebungen
anzustellen,  die  ihnen  bei  Ausübung  ihrer  offiziellen  Funktionen  nicht  geliefert
werden;  diese  Untersuchungen  haben  selten  zu  vertrauenswürdigen  Resultaten
geführt,  sei  es,  weil  es  den  dabei  tätigen  Beamten  am  guten  Willen  fehlte,
sei  es  weil  sie  nicht  geeignet  waren,  sei  es  weil  sie  nicht  über  die  nötige
Autorität  verfügten,  um  die  Schwierigkeiten,  die  sich  erhoben,  zu  überwinden.
Noch  weniger  glücklich  sind  die  Statistiker  bei  solchen  Untersuchungen
gewesen,  die  sich  auf  die  innere  Natur  des  Menschen  beziehen,  auf  die
Beurteilung  der  sozialen  Verhältnisse,  auf  die  Vergleichung  der  moralischen
und  intellektuellen  Eigenschaften  und  ganz  allgemein  auf  die  Elemente,  die
man  in  Betracht  ziehen  muß,  wenn  man  die  Lage  der  arbeitenden  Bevölkerung
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.