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Enquete an, die den gegenwärtigen Zustand der Dinge und das
wahrscheinliche Ergebnis der vorgeschlagenen Änderung untersucht.
Die dabei tätigen Personen haben weitgehende Vollmachten; sie
können z. B. jeden Untertan unter Eid vernehmen. Von diesen
Enqueten erhoffte Le Play sehr viel, und die ihnen zugrunde liegende
direkte Beobachtung ist die Grundlage seiner Methode; letztere ist
nur eine besondere Art der „direkten Beobachtung“.
Auf sonstige Hilfsmittel hat Le Play bei seinen Monographien
verzichtet. Wenn er auch in seinen systematischen Schriften eine
umfassende Geschichtskenntnis verrät, so treten doch in seinem
Urmaterial, den Monographien, die geschichtlichen Materialien
ganz in den Hintergrund. Er war der Ansicht 1 ), daß die Sozial
wissenschaft auf solidere Grundlagen gestellt werden könne als die
Geschichte sie bieten kann. Alle Zeitalter der sozialen
Welt leben noch in der gegenwärtigen Zeit.
„Um Meister in der Sozialwissenschaft zu werden, brauchen wir also
durchaus nicht Manuskripte zu entziffern oder auf die Historiker zurückzu
greifen. Wir können auf unseren Eeisen die zerstreuten Materialien unserer
Wissenschaft sammeln, um sie dann mit Hilfe unserer eigenen Vernunft zu
vereinigen.“
Bei der genaueren Beschreibung der Methode wird gezeigt werden,
inwieweit diese Grundsätze von ihm streng durchgeführt wurden.
Notwendigkeit des Vergleichs. Die Beobachtung allein ist
zur Beurteilung einer sozialen Erscheinung nicht ausreichend. Um
von der Beobachtung zur Beurteilung zu gelangen, muß man M a ß -
Stäbe haben, welche die Beurteilung erleichtern. Der Wert einer
auf Analyse der Erfahrungen beruhenden Untersuchung wird wesent
lich davon abhängen. ob auch die Maßstäbe der Erfahrungswelt
entstammen, oder ob ein Ideal als Maßstab dient, das nirgends
existiert als im Kopfe des beobachtenden Menschen. Dieser wird
dann natürlich nirgends befriedigende Zustände finden, sondern
höchstens solche, die seinem Ideal mehr oder weniger nahe kommen.
Le Play war von der Notwendigkeit überzeugt, daß er seine
Bewertungsmaßstäbe der Wirklichkeit entnehmen müsse. Er wollte
möglichst viele menschliche Gesellschaften und ihre Einrichtungen
kennen lernen, um durch den Vergleich festzustellen, inwiefern
eine Gesellschaftsordnung vor der anderen den Vorzug verdiene. Da
sein oberster Zweck darin bestand, sich seinem Vaterlande nach
>) 0. E. I, 14.