Full text : Frédéric Le Play in seiner Bedeutung für die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode

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unterscheiden  bei  einer  Menge  von  Dingen,  die  mich  bis  dahin  im  Zweifel
gelassen  hatten,  und  ich  sah  ein,  daß  sie  die  wahren  Lehrer  der  Sozialwissenschaft ­
  sind.“
Im  übrigen  hatte  Le  Play  aus  seinen  reichen  Erfahrungen  gelernt, ­
  daß  auch  zwischen  den  verschiedenen  Völkern  und  Berufen
in  dieser  Hinsicht  große  Unterschiede  vorhanden  sind 1 ).  So  fand
er,  daß  die  Engländer  sehr  richtige  Ansichten  haben,  wenn  ihnen
eine  freie  Erziehung  zuteil  geworden  ist,  und  wenn  sie  durch  Keisen
gebildet  sind.  Aber  man  kommt  mit  ihnen  nicht  oder  nur  sehr
selten  in  das  rechte  freundschaftliche  Verhältnis.  Der  Mittelstand
geht  im  Geschäft  auf  und  ist  oft  geradezu  fremdenfeindlich.  Die
Gesellschaft  hervorragender  Amerikaner  suchte  Le  Play  gern;  sie
machten  ihn  auf  die  hauptsächlichsten  Fehler  der  französischen  Institutionen ­
  aufmerksam.  Bei  den  Deutschen  fand  er  besonders
für  religiöse  Gesinnung  und  Arbeit  bedeutsame  Muster.  Und  im
eigenen  Vaterlande  stieß  er  zwar  am  meisten  auf  Vorurteile  und
Irrtümer,  aber  auch  zugleich  auf  das  größte  Entgegenkommen  und
die  Bereitwilligkeit  zu  rückhaltloser  Mitteilung 2 ).
„Ich  schulde  dem  Freimut,  der  bei  uns  im  Ideenaustausch  herrscht,  die
nützlichsten  Elemente  dieses  Werkes.  Wenn  diese  edelmütige  und  reizvolle
Neigung  sich  trotz  Revolutionen  und  bürgerlicher  Zwistigkeiten  aufrecht  erhalten ­
  kann,  so  wird  unserem  Volke  immer  eine  gewisse  Überlegenheit  in  der
Pflege  der  Sozialwissenschaft  sicher  sein.“
Außerdem  waren  die  „Sozialen  Autoritäten“  Le  Play  behilflich
bei  Abfassung  der  Familien-Monographien.  Eine  Familien-Monographie
  in  einem  fremden  Lande,  auch  im  eigenen,  konnte  ja
nur  schwer  zustande  kommen  ohne  die  Mitwirkung  angesehener,  einheimischer ­
  Personen.  Die  Auswahl  der  Familie  wurde  vielleicht
von  ihnen  vorgenommen,  wenigstens  vorgeschlagen;  oft  waren  es
wohl  eigene  Arbeiter  solcher  „Sozialen  Autoritäten“,  Familien,  die
durch  Tradition  mit  dem  Unternehmer  verbunden  waren.  Vor  allem
wurden  die  Angaben  der  Familien  von  ihnen  auf  ihre  Wahrscheinlichkeit ­
  nachgeprüft.  Denn  alle  solche  Angaben,  die  über  das
Familienleben  hinaus  ins  allgemeine  gingen,  mußten  ja  von  besser
orientierten  Männern  nachgeprüft  werden.  Sie  sollten  die  Angaben
der  Arbeiter  ergänzen  „für  die  Gegenwart  durch  ihre  eigenen  Beobachtungen, ­
  für  die  Vergangenheit  durch  die  Tagebücher,  die  ihnen
ihre  Vorfahren  hinterlassen  haben“.  Damit  meint  er  eine  Art

1 )  Ref.  soc.  I,  S.  70.
2 )  1.  c.,  S.  74.
            
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