Full text : Frédéric Le Play in seiner Bedeutung für die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode

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technischen  Prozesse,  die  man  anwendet,  kann  nicht  in  wissenschaftlicher
Weise  untersucht  werden,  wenn  man  nicht  wenigstens  vorläufig  die  wesentlichen ­
  Existenzbedingungen  der  zu  diesen  Arbeiten  nötigen  Bevölkerung  bestimmt. ­

Während  hiernach  anfangs  das  rein  wirtschaftliche  Moment  noch
im  Vordergründe  stand  und  Le  Play  die  Arbeiterfamilien  nur  in
ihrer  Eigenschaft  als  Produktionsfaktor  einer  Unternehmung  untersuchen ­
  wollte,  erweiterte  sich  ihm  die  Familie  nach  und  nach  mit
seinen  umfassenderen  sozialreformatorischen  Zielen  zum  Repräsentanten ­
  der  menschlichen  Gesellschaft.
Die  Arbeiterfamilie  als  Untersuchungsobjekt.  Wie  mit  der
fortschreitenden  Entwicklung  die  Familien  immer  mehr  Funktionen
an  die  Gesellschaft  abgetreten  haben  und  dadurch  heute  ein  ganz
anderes  Bild  als  früher  zeigen,  so  hat  die  Kultur  auch  noch  eine
weitere  Veränderung  bewirkt:  die  Familien  sind  unter  sich  ungleicher ­
  geworden;  dadurch  ist  es  —  so  sollte  man  meinen  —
schwieriger  geworden,  aus  der  Beschreibung  einzelner  Familien  allgemeingültige ­
  Schlüsse  für  die  ganze  Gesellschaft  zu  ziehen.  Doch
diese  Schwierigkeit  ist  nach  Le  Play  nicht  so  groß,  wie  es  auf  den
ersten  Blick  erscheint.  Le  Play’s  Untersuchungsobjekt  ist  die
„Arbeiterfamilie“  in  einer  Bedeutung  dieses  Wortes,  welche
weit  hinausgeht  über  die  der  Gegenwart;  er  faßt  den  Begriff  so,
wie  er  einem  unentwickelten,  verhältnismäßig  noch  wenig  differenzierten ­
  Zustande  der  menschlichen  Gesellschaft  entspricht 1 ):
Die  Personen,  die  mit  ihren  eigenen  Händen  die  Tätigkeiten  ausüben,
deren  Erzeugnisse  die  gewöhnlichen  Bedürfnisse  der  Gesellschaften  befriedigen,
diese  Personen  nehmen  überwiegenden  Anteil  an  der  Schaffung  der  wesentlichsten ­
  Unterhaltsmittel.  Sie  unterliegen  aber  starken  Änderungen  je  nach
Ort,  Volk  und  Zeit.  So  ergibt  sich,  daß  die  materielle  und  moralische  Organisation ­
  der  arbeitenden  Bevölkerung  und  die  Natur  ihrer  Arbeiten  einen  der
charakteristischen  Züge  der  Gesellschafts-Verfassungen  bilden.
Bei  wenig  entwickelten  Völkern  beschäftigen  sich  fast  alle  Familien
mit  solchen  Arbeiten,  deren  Erzeugnisse  sie  selbst  verzehren.  Dort  ist  die
Familie  ein  getreues  Spiegelbild  der  Gesellschaft.  Um  die  soziale  Verfassung
kennen  zu  lernen,  genügt  es,  die  Existenzmittel  der  Arbeiterfamilie  zu  untersuchen. ­
  So  ist  sie  denn,  durch  die  Natur  der  Dinge  selbst,  das  normale  Beobachtungsobjekt ­
  unserer  Methode.
Je  einfacher  die  Existenzbedingungen  einer  Familie  sind,  am  so
typischer  sie  ist,  um  so  mehr  wird  sie  entscheidend  beeinflußt  von
natürlichen  und  sozialen  Verhältnissen  ihrer  Umgebung.

')  0.  E.  I,  208.
            
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