Full text : Frédéric Le Play in seiner Bedeutung für die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode

46

‘)  0.  E.  I,  210.
i 2 )  0.  E.  I,  214.

Verschiedenheiten  zu  erklären.  Aber  durch  immer  neue  Beobachtungen ­
  glaubte  er  sich  davon  überzeugt  zu  haben,  daß  seine  Zweifel
unbegründet  seien 1 ):
Man  könnte  auf  den  ersten  Blick  glauben,  daß  das  Studium  einer  über
ein  weites  Gebiet  verstreut  wohnenden  Gesellschaft  nicht  ausgeführt  werden
könne  durch  methodische  Beobachtung  einer  kleinen  Zahl  von  Familien,  die
den  hauptsächlichsten  handarbeitenden  Berufen  angehören.  Die  Natur  des
Menschen  zeigt  eine  unbegrenzte  Verschiedenheit;  die  Kinder  aus  einer  Ehe
zeigen  in  der  Wahl  des  Guten  und  Bösen  oft  entgegengesetzte  Neigungen.
Um  so  mehr,  so  scheint  es,  müßten  an  demselben  Ort  und  in  demselben  Beruf
recht  große  Unterschiede  zwischen  den  einzelnen  Familien  herrschen.  Diese
Annahme  wird  aber  durch  die  Tatsachen  keineswegs  bestätigt.  Ich  werde
zeigen,  wie  es  den  guten  sozialen  Verfassungen  gelingt,  die  Ungleichheiten
auszutilgen,  die  die  Verschiedenheiten  der  menschlichen  Natur  herbeiführen
müßten.
Le  Play  stellt  nun  zunächst  fest,  daß  bei  den  von  ihm  beobachteten ­
  primitiven  Völkern  jene  Verschiedenheiten  überhaupt
noch  nicht  vorhanden  sind;  sie  bilden  sich  erst  mit  Entstehung  verschiedener ­
  Berufsarten,  durch  vollständige  Besitzergreifung  des  Bodens,
durch  Steigerung  des  Wohlstands.  So  geht  es  z.  B.  bei  den  Ackerbau- ­
  Völkern 2 ):
Die  Familien  erwerben  oft  mehr  Land,  als  sie  selbst  bearbeiten  können.
Den  Überfluß  geben  sie  an  Pächter  ab  und  leben  von  der  Bente,  die  sie
dafür  bekommen.  Sie  selbst  wenden  sich  liberalen  Berufsarten  zu.
Der  Bauer  kann  nur  einem  seiner  Kinder  sein  Besitztum  hinterlassen;
die  übrigen  siedelt  er  in  der  Nachbarschaft  an  als  freie  Arbeiter  usw.
Durch  eine  derartige  Differenzierung  des  Berufs  und  des
Einkommens  kompliziert  sich  das  soziale  Problem  immer  mehr;  aber
es  gibt  auch  in  solchen  Zuständen  noch  Mittel,  um  die  Beobachtung
des  Sittengesetzes  und  das  tägliche  Brot  zu  sichern.  Und  darauf,
so  sagt  Le  Play,  kommt  alles  an.  Diese  beiden  Existenzbedürfnisse
jeder  menschlichen  Gesellschaft  werden,  nach  Le  Play,  befriedigt  durch
zwei  dauernde  Grundelemente,  durch  das  göttliche  Gebot  und  durch
die  väterliche  Gewalt,  sowie  durch  fünf  variable  Elemente:  durch  die
Formen  der  Religion,  durch  die  Staatsordnung  und  durch  die  drei
Arten  des  Grundeigentums  (Gemeineigentum,  Patronagesystem  und
Privateigentum).  Nur  diese  fünf  variablen  Elemente  hält  Le  Play
für  die  Quellen  der  sozialen  Differenzierung:
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.