Full text: Die Frau als kaufmännische Angestellte im Handelsgewerbe

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Bei der Betrachtung der Tabellen für das Büropersonal ist deutlich 
bemerkbar die steigende Anteilnahme des Arbeiterstandes an dem 
gesellschaftlich höher gewerteten kaufmännischen Beruf. Das Über 
gewicht der bürgerlichen Schichten gegenüber dem Arbeiterstand ist 
zwar noch bestehen geblieben, aber doch bedeutend geringer geworden. 
Die Beteiligung der oberen Schicht hat von 1897—1903 erheblich ab 
genommen. Damit ist aber natürlich keine zahlenmäßige Abnahme 
der aus diesen Kreisen stammenden Angehörigen verbunden, man 
kann vielmehr beobachten, daß die Töchter höherer Stände noch 
immer gern zu diesem Beruf greifen, der als standesgemäß angesehen 
zu werden anfängt. Aber die Abnahme ist prozentual zu bemerken, 
da die aus niederen Schichten hervorgehenden Angestellten in solchem 
Umfange die Tätigkeit im Kontor suchen, daß sie an Zahl die anderen 
bald erreicht haben werden. 
Noch deutlicher zeigt sich diese Entwicklung beim Verkaufs 
personal; 1897 stellen die höheren und Mittelschichten die Hauptmasse 
der Verkäuferinnen. 1903 zeigt sich schon die stark gewachsene Anteil 
nahme der Arbeiterbevölkerung. Sie haben die höheren Stände der 
Zahl nach bald erreicht, und es ist anzunehmen, daß der Anteil der 
Arbeiterklasse noch wesentlich seitdem gestiegen ist. 
Dieses stete Vordringen der Arbeiterkreise hat ein Herabsinken 
im Ansehen des Berufes zur Folge. Je weiter die Arbeitertochter sich 
hier betätigt, desto mehr verzichtet die Tochter aus höheren Ständen 
auf diesen Beruf. Die Beschäftigung als Verkäuferin wird deshalb 
als nicht mel?.r standesgemäß gemieden und jetzt lieber eine Stellung 
als Kontoristin gesucht. Aber auch hier geht das Einrücken des Arbeiter 
standes weiter, je mehr das Ansehen des Verkäuferinnenberufes sinkt. 
Dieses Auf rücken der untersten Klassen in höher bewertete Berufe ist aber 
kein Zeichen einer wirklichen Auf wärtsentwicklung; denn nicht gelernte, 
sondern ungelernte Kräfte drängen hier nach und tragen auch dadurch bei 
zu einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und des Ansehens. 
Das Kontorpersonal kann ohne höhere Schulbildung in kürzester 
Zeit auf den sogenannten Pressen die notwendigste Ausbildung er 
halten. Da die Kosten gering sind, so können selbst die niederen 
Stände ihre Töchter zu Kontoristinnen ausbilden lassen. Jede Gründ 
lichkeit ist aber bei dieser Art des Unterrichtes ausgeschlossen und 
Heranziehen ungeeigneter Elemente die notwendige Folge. 
Auch beim Verkaufspersonal liegt die Schuld an der wachsenden 
Beteiligung des Arbeiterstandes in der Zunahme ungelernter Kräfte. 
Da die Ausbildung nicht einmal Kosten verursacht, sondern während 
der Lehrzeit in den meisten Fällen sofort eine Barvergütung gezahlt 
wird, so ist die Verlockung sehr groß.
	        
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