Full text : Grundzüge des positiven Völkerrechts

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Hohe  See  —  Begriff.

hohen  See  mit  Ausschluß  der  Küstengewässer  und  derjenigen  meerartigen ­
  Bildungen,  die  nicht  den  Regeln  der  hohen  See  unterstehen,
ist  verhältnisnräßig  neuen  Datums.  Aber  er  gilt,  wenn  auch  —  z.  B.
neuestens  von  Stier-Somlo  —  bestritten,  in  Theorie  und  Praxis  unangefochten. ­
  Freilich  hat  es  lange  gedauert,  bis  er  sich  zur  Anerkennung
als  Satz  des  universellen  Völkerrechts  durchgerungen  hat.  Behauptete
im  Mittelalter  Venedig  für  die  Adria,  Genua  für  das  Ligurische  Meer
Alleinherrschaft,  konnte  Portugal  Hoheitsrechte  über  den  ganzen
Indischen  Ozean  und  über  den  Atlantischen  südlich  von  Marokko,
Spanien  über  den  Stillen  Ozean  und  den  Golf  von  Mexiko  auf  Grund
einer  Bulle  des  Papstes  Alexander  VI.  in  Anspruch  nehmen,  so  hat
trotz  seiner  liberalen  Anschauung  unter  der  Königin  Elisabeth,  England
Sonderrechte  über  die  Gewässer  um  England,  namentlich  über  die
Nordsee  und  den  Atlantischen  Ozean  vom  Nordkap  bis  zum  Kap  von
Finisterre  in  Anspmch  genommen.  Die  äußere  Form  hierfür  war  es,
wenn  von  Seiten  des  britischen  Reiches  noch  zu  Beginn  des  19.  Jahrhunderts ­
  von  diese  Seegebiete  durchfahrenden  Schiffen  Senken  der
Flagge  verlangt  wurde.
Zunächst  ist  es  die  Wissenschaft  gewesen,  die  gegen  das  Prinzip  von
den  geschlossenen  Meeren  Sturm  gelaufen  ist.  Im  Jahre  1609  veröffentlichte ­
  Hugo  Grotius  eine  kleine  Schrift  „Mare  liberum“,  die
ein  Kapitel  seines  umfassenderen  Werkes  „De  jure  praedae“  darstellt,
in  der  er  sich  zugunsten  seiner  holländischen  Heimat  dafür  einsetzte,  daß
die  See  in  keines  Staates  Eigentum  stehen  könne,  weil  sie  nicht
okkupationsfähig  sei,  und  daß  sie  infolgedessen  unter  keines  Staates
Gewalt  stehen  könne.  Trotz  des  großen  Aufsehens,  das  diese  Schrift
erregt  hat,  gegen  die  zahlreiche  Autoren,  namentlich  der  Engländer
Seiden  (mare  clausum  1635)  in  Streitschriften  vorgegangen  sind,  ist
theoretisch  der  Sieg  des  Seefreiheitsprinzips  erst  mit  dem  Erscheinen
des  Buches  des  Holländers  van  Bhnkecshoek  „De  dominio  maris“
(1702)  entschieden  gewesen.  In  einem  Streit  mit  Rußland  im  Jahre
1821  hat  sich  gerade  England  dazu  bekannt.
II.  Begriff  und  Inhalt.  Hohe  See  bezeichnet  alle  diejenigen ­
  Meere  und  Meeresteile,  die  nicht  den  oben  (§  10,
Abs.  Ilb)  erwähnten  Regeln  unterfallen.  Die  hohe  See  ist  frei,
besagt,  daß  sie  keiner  Staatsgewalt  unterworfen  sein  kann,  und  daß
also  insbesondere  kein  Staat  berechtigt  ist,  über  die  hohe  See  als  solche
Hoheitsrechte  auszuüben.  Der  Satz  beinhaltet  nicht,  daß  auf  der  hohen
            
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