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Asketen für das Wohl der Gesellschaft hinstellt!), so hat seine
Kritik einen sehr berechtigten Kern. Man kann vielleicht mit der
Gedankenführung der Abstinenztheorie plausibel machen, daß
überhaupt Zins gezahlt wird, indem für den Grenzkapitalisten
das „Warten“ ein Opfer involviert, für das er entschädigt
werden muß, wenn sein Angebot nicht verschwinden soll. Sonst
steht sie doch aber auf einer recht unsicheren Basis, da das
Objekt der Zinszahlung, der Dienst des Wartens, teilweise
überhaupt nicht existiert. Böhm-Bawerk hat diesen Punkt
nicht klar erkannt, wenn er in dem Mangel einer durchgreifenden
Harmonie zwischen der Größe des behaupteten Opfers und des
dafür erlangten Lohnes nicht die entscheidende Schwäche der
Abstinenztheorie sieht. „Denn wo überhaupt Kosten oder Opfer
den Preis von Gütern bestimmen, pflegen ja bekanntlich, falls
verschiedene Teile des Angebotes zu ungleichen Kosten auf den
Markt gebracht werden, jeweils die höchsten zur Versorgung
des Marktes noch notwendigen Kosten über die Höhe des ganzen,
einheitlichen Marktpreises zu entscheiden. Wo immer aber
ungleiche Kosten durch einen einheitlichen Preis vergütet
werden, ist es grundsätzlich gar nicht möglich, daß die Vergütung
in jedem einzelnen Falle harmonische Fühlung mit der Größe des
gebrachten Opfers halten könnte, sondern offenbar werden
jene Produzenten, welche mit geringeren als den höchsten maß-
gebenden Opfern ihr Angebot auf den Markt bringen, immer
für ihre Opfer verhältnismäßig reicher belohnt werden als
ihre minder günstig situierten Konkurrenten“?).
Böhm-Bawerk übersieht hier, daß in diesen anderen
Fällen, bei Arbeits- und Bodenleistungen, stets eine Leistung
vorliegt, während eine solche von seiten des Kapitalisten teil-
weise, Vielleicht sogar ganz allgemein nicht existiert?),
Wir legen gerade deshalb auf diesen Punkt so viel Gewicht,
weil u. E. hier die Entscheidung liegt, ob man die Abstinenz-
1) Lassalle, Ferdinand, Herr Bastiat-Schulze von Delitzsch, der
Skonomische Julian, oder: Kapital und Arbeit, Berlin 1864, S. 110.
?) Böhm-Bawerk, Geschichte und Kritik, S. 248.
3 In seinem ersten Haupteinwand gegen die Abstinenztheorie bringt
Böhm-Bawerk auch unser Argument: Das Moment des Einflusses des
Zenußaufschubes sei „weder so einfach, noch so unmittelbar, noch so aus-