Full text : Fortschritt und Armut

Kap.  II.  Sklaverei  das  Resultat  des  Privatgrundbesitzes.  26  {

Massen  erniedrigt  und  unterjocht  hat,  ist  es,  wie  ich  bündig  bewiesen
zu  haben  glaube,  die  auch  noch  heutigentags  in  der  zivilisierten  Welt
wirkt.  Die  persönliche  Freiheit,  d.  h.  die  Freiheit  der  Bewegung,  ist
allenthalben  zugestanden,  während  von  politischen  und  gesetzlichen
Ungleichheiten  in  den  Vereinigten  Staaten  keine,  und  in  den  in  der
Zivilisation  am  weitesten  zurückgebliebenen  Ländern  nur  noch  wenige
Spuren  vorhanden  sind.  Aber  die  Lsauptursache  der  Ungleichheit  bleibt
übrig  und  gibt  sich  in  der  ungleichen  Güterverteilung  kund.  Das  Wesen
der  Sklaverei  ist,  daß  sie  dem  Arbeiter  alles  nimmt,  was  er  hervorbringt
außer  soviel  als  er  zu  einem  tierischen  Dasein  bedarf,  und  zu  diesem
Minimum  streben  unter  den  bestehenden  Verhältnissen  auch  die  Löhne
der  freien  Arbeit  unverkennbar  hin.  wie  sehr  auch  die  Produktionskraft
zunehme,  die  Grundrente  strebt  beständig  daraus  hin,  den  Gewinn  und
mehr  als  den  Gewinn  zu  verschlingen.
So  ist  die  Lage  der  Massen  in  allen  zivilisierten  Ländern  die  virtuelle
Sklaverei  unter  den  Formen  der  Freiheit,  oder  dies  muß  wenigstens
die  Lage  werden.  Und  es  ist  leicht  möglich,  daß  von  allen  Arten  der
Sklaverei  dies  die  grausamste  und  unbarmherzigste  ist.  Denn  der  Arbeiter ­
  wird  des  Erzeugnisses  seiner  Arbeit  beraubt  und  gezwungen,
für  seine  bloße  Erhaltung  sich  abzumühen;  seine  Arbeitsvögte  aber
nehmen  anstatt  der  menschlichen  Form  die  Form  gebieterischer  Notwendigkeiten ­
  an.  Diejenigen,  denen  er  seine  Arbeit  leistet  und  von
denen  er  seinen  Lohn  empfängt,  werden  oft  ihrerseits  getrieben;  die
Berührung  zwischen  den  Arbeitern  und  den  letzten  Nutznießern  ihrer
Arbeit  wird  zerrissen  und  die  Individualität  geht  verloren.  Die  direkte
Verantwortlichkeit  des  Herrn  gegen  den  Sklaven,  eine  Verantwortlichkeit, ­
  welche  auf  die  große  Mehrheit  der  Menschen  einen  besänftigenden
Einfluß  ausübt,  entsteht  nicht;  nicht  ein  Mensch  den  andern,  sondern
«die  unvermeidlichen  Gesetze  von  Angebot  und  Nachfrage",  für  die  niemand ­
  im  besonderen  verantwortlich  ist,  scheinen  die  Massen  zu  rastloser
und  unvergoltener  Mühsal  zu  treiben.  Die  Grundsätze  Eatos,  des
Zensors  —  Grundsätze,  welche  selbst  in  einem  Zeitalter  der  Grausamkeit ­
  und  des  allgemeinen  Sklavenbesitzes  mit  Abscheu  betrachtet  wurden,
—  daß  der  Sklave,  nachdem  von  ihm  so  viel  Arbeit  wie  möglich  gewonnen
ist,  vertrieben  werden  müsse,  um  zu  sterben,  werden  die  gewöhnliche
Begel;  und  selbst  das  eigennützige  Interesse,  das  den  Herrn  antreibt,
sich  um  das  Wohlbefinden  des  Sklaven  zu  kümmern,  geht  verloren.
Die  Arbeit  ist  eine  Ware  und  der  Arbeiter  eine  Maschine  geworden.
Es  gibt  nicht  mehr  Herren  und  Sklaven,  keine  Besitzer  und  Hörige,
sondern  nur  noch  Käufer  und  Verkäufer.  Das  Feilschen  des  Marktes
tritt  an  die  Stelle  jedes  anderen  Gefühls.
Wenn  die  Sklavenhalter  des  Südens  auf  die  Lage  der  freien
Arbeiter  in  den  vorgeschrittensten  zivilisierten  Ländern  blickten,  war
es  kein  Wunder,  wenn  sie  sich  leicht  von  der  göttlichen  Einrichtung  der
Sklaverei  überredeten.  Daß  die  Feldarbeiter  des  Südens  als  Klasse
            
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