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,Die Herrschaft des Wortes“,
klärende Definition, sei es auch nur für bestimmte Zwecke,
etwas leisten soll, dem doch nur die schildernde Auflösung
recht gewachsen bleibt. Durch den Zwang zur Interpretation sind
eben die Juristen zum Wortdienste einmal verdammt. Es muß bündig
außer Zweifel gesetzt sein, worauf der oder jener Gesetzesausdruck
anwendbar wäre. Wortstreit ist dabei im Wesen unvermeidbar; so
kommt es für die Juristen auch in dieser Hinsicht stets auf eine
„höchste Instanz“ an; schon für die Gesetzesauslegung, soweit sie an
einer Wortdeutung hängt. Der Laie nun, der an die völlige Andersart
dieser Aufgabe nicht denkt, hält dann natürlich das Gebilde für
schwer verständlich. Hier ist es weniger verwunderlich, wenn der
Laie förmlich pflichtschuldigst vor einem „Unbegriffe“ steht, und sich
vor dem Kitzel des Wortes ins Anschauliche flüchtet: Ein Gebäude,
drinnen ein Haufe schreiender Menschen, und hinterher, in der all
morgendlichen Zeitung, unendliche Zahlenkolonnen 1
Ähnlich liegt es auch dann, wenn die Verhältnisse nicht so er
schwerende sind. Für die Gebilde, vor denen unser Denken im
„Außen“ steht, nehmen wir vor allem ihren Namen in Empfang.
Das Wort bleibt der wertvollste Besitz, weil es zu streiten und zu be
haupten erlaubt, mit oder ohne Hintergrund von Gedanken. Der
letztere fehlt ja in solchen Fällen auch so ziemlich. Wir staffieren das
Wort nur mit ein bißchen Anschauung aus, verknüpfen ihm einige
zusammenhanglose Bilder. Diese Flucht ins Anschauliche ist gerecht
fertigt, weil wir eben auf den bestimmten Namen hin auch das so
Benannte als ein Bestimmtes erfassen wollen. Aber so verzeihlich es
erscheint, kleinmütig bleibt es doch von unserem Denken, wenn wir
ratlos vor Gebilden stehen, die wir bis ins Innerste durch
schauen könnenl Weil unser Denken in solchen Fällen der
Struktur nicht gewachsen ist, wirft es überhaupt die Flinte ins
Korn, und umklammert den allzeit getreuen Retter, das Wort — als ob
nicht außer der Struktur, und eigentlich als das Wesentlichere, die
Gliederung in Betracht fiele, der unser Denken jederzeit ge
wachsen bleibt! Allerdings, um das einzelne Gebilde, die einzelne Art,
z. B. also „Börse“, von anderen abzusondern, dafür sagt uns die
Gliederung gar nichts. Trotzdem ist es just diese Gliederung, die
hier jenen Durchblick erlaubt, jenes Erfassen der inneren Bedingnis
des Fortbestehens, wie es für den Teil des Naturgegenstandes im
Wesen ausgeschlossen bleibt.
Anmerkung: Wo unser Denken nicht der Struktur, nicht den strebigen
Zusammenhängen gewachsen ist, wird es auch aus einem anderen Grunde