Haushalten und Unternehmen, X.
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man diese Gebilde „unorganisch“ auf, mehr als lose Inbegriffe
von Geschehen, die nur von Wortesgnaden leben und daher ausein
ander fielen, wenn man die Wortklammer wegdenkt. Oder man faßt
diese Gebilde „ all zu-or gani sch auf, im Nachbeten biologischer
Erkenntnis. Dort bleibt man dem Denken dieser Gebilde gleichsam
die dritte Dimension schuldig; sie verflachen zu einem unklaren Ge
menge von Handlungen, im Sinne einer „Gesamtheit“, eines „Ganzen ,
was sich häufig genug in den Definitionen verrät. Hier wieder be
gnügt man sich mit den drei Dimensionen nicht, wie sie mit der Ver
ständlichkeit dieser Geschöpfe unseres Denkens vorliegen; man versteigt
sich in die vierte Dimension, umnebelt diese Gebilde mit lauter Geheim
nissen, die man dem Biologen nachfühlt. Jenes erste Vorurteil lauft
auf eins heraus mit dem Mangel an „historischem Sinn ; den wahrhaft
nur besitzt, wer sich in den Gedanken jenes Allzusammenhangs hinein
lebt, der allem Erlebten Gestalt und ureigenes Gepräge verleiht. Im
anderen Falle, bei der „allzu-organischen“ Auffassung, scheint dem
Denken der Genuß von Naturwissenschaft nicht ganz gut bekommen
zu sein. Beides muß jenes Mißtrauen gegen die höheren
Formeln erzeugen, dem ich hier zu steuern suche. Glaubt man an
richtige Geheimnisse, dann muß man Verdacht gegen Formeln hegen,
die das lösende Wort mühelos ausplaudern. Wem dagegen die Zu-
ständlichen Gebilde Luft sind, die sich nur in den Schallwellen eines
Wortes gestaltet, der muß Formeln, die auf diese Gebilde selbst ab
zielen, folgerichtig für Wind halten.
Nur die vier einfachen Formeln hatten es leicht. An Handlungen
glaubt jedermann, und daher auch an ihre Zusammenhänge, und an
deren Spielarten. Die höheren Formeln aber leiden durch ihren Bezug
auf die Zuständlichen Gebilde, die schon im allgemeinen
spröde für unser theoretisches Denken bleiben. Ein Um
stand, der besonders in der Wissenschaft vom Alltäglichen von Trag
weite wird. Denn für ihr Denken sind ja die zuständlichen Gebilde
das tägliche Brot; ihre rechte Würdigung bedeutet hier so etwas wie
die Eselsbrücke. Aber weil sie in jener gestaltreichen Welt die H ö c h s t -
gebilde sind, ist unS er Denken eben nur zu sehr der Gefahr aus
gesetzt, ihnen zu viel, oder zu wenig Ehre anzutun. Entweder über
schätzt man sie, behandelt sie selber als Natur; oder man unterschätzt
sie, indem man bereits das nennende Wort als Natur behandelt und
sich gleich dabei beruhigt. Auch diese Gebilde sind zwar nicht vom
bloßen Wortlaut getragen, aber auch nicht schlechthin von „Dasein“,
im Sinne eines Vorgegebenen. Von ihnen gilt eben nur, daß sie „fort-
bestehen“, und dies, weil etwas „geschieht“; ein Geschehen aber, das