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„Die Herrschaft des Wortes“,
lassen; der ja überwuchert ist von allen möglichen Schößlingen, die
ihr Daseinsrecht und vorher schon ihr Dasein mehr den äußeren Um
ständen verdanken — vor allem der Rücksicht auf den praktischen
Nutzen, der meist auch hinter dem Zweiten steckt, hinter der Rück
sicht auf die Lehre, z. B. also den akademischen Unterricht.
Die Eigenart der schildernden Wissenschaft ist dem praktischen
Nutzen durchaus nicht widerstrebend. Es gilt zwar auch von ihr,
daß sie ihr Werk nie fertig bringt, während sie im einzelnen trotzdem
Vollendetes schaffen kann. Sie weiß das Erfassen der All-Einheit
auch nur über ungezählte Anläufe hinweg zu erstreben; von denen
jeder, sofern er dieser Einheit wirklich nacheifert, zu einem gedeih
lichen Erfolg, keiner aber zum Ende führt — gleichgültig, ob diese
Anläufe im großen oder im kleinen unternommen werden. Der
Ruhm, nicht eine Schwäche dieser Wissenschaften ist es ja, daß sie
dazu begnadet sind, unablässig sich selber zu übertreffen; und sie nicht
bloß im Denken, sondern auch im Werkl Sehen wir nun von jenem
höheren Nutzen, „von dreitausend Jahren sich Rechenschaft zu geben“,
ganz ab, auch der unmittelbare Nutzen, sagen wir die Interessen
des Alltags, auch die fahren bei jener Eigenheit recht gut. Alle Auf
gaben, die sich da stellen, und nicht gleich ins Ungreifbare aus
schweifen, alle diese Aufgaben wachsen ja selber aus dem Zusammen
hang heraus, gleichsam an einer bestimmten Stelle. Mit jenem Blick
auf diese Stelle, der geläutert ist durch die Übung, Zusammenhänge
in die Weite und Tiefe zu durchschauen, kann man der Lösung solcher
Aufgaben nun die Wege ebnen; im todesernsten Bewußtsein, daß
jeder Eingriff in dieses lebendige Gewebe Menschenschicksal bewegt,
und daß er kraft des Allzusammenhanges ebensogut drosseln, wie
lindern kann. Kurzerhand sei auf die „Schriften des Vereines für
Sozialpolitik“ verwiesen, als eines besten Beispieles dafür, wie sich die
schildernde Wissenschaft in den Dienst des Handelns stellen kann.
Und hier ist es gleich wieder die Nationalökonomie, die sich in
der Mission der schildernden Wissenschaft bewährt!
Aber nun die Ansprüche des Unterrichtes. Dem Unterricht
ist es wohl immer versagt, den Wissensschatz ohne Striche und
Knetungen zu übermitteln. Vom lebendigen Werk der Forschung
bietet er stets nur einen lehrhaften Auszug; wobei ich natürlich
nicht an keimfreien Extrakt ad usum delphini denke. In durchaus
zwingender Weise tritt an jede Wissenschaft die Frage heran nach
ihrer Zurichtung für die Lehre; sagen wir, es handelt sich bei jeder
um die didaktische Reduktion ihres Wissensschatzes.
Dieser jedoch ist nicht überall leicht reduzierbar. Auf die günstige