Full text : Wirtschaft als Leben

Abschnitt  III.

359

DL
Die  Einsicht,  wie  der  Sinn  der  historischen  Erkenntnis  in
einem  ausgesprochenen  Gegensatz  zu  dem  Sinn  der  metahistorischen ­
  Erkenntnis  steht,  läßt  sich  noch  vertiefen.  Es  korrespondiert
dieser  formelle  Gegensatz  mit  sehr  bedeutsamen  materiellen
Unterschieden  zwischen  Historie  und  Metahistorie.
Diese  Abstände  zwischen  den  beiden  Erkenntnisgebieten  lassen  sich
auf  den  einen  Posten  bringen,  daß  hüben  und  drüben  das
Geschehen,  dem  sich  die  Erkenntnis  zuwendet,  gleichsam ­
  schon  in  der  Substanz  ein  verschiedenes  ist.
Nicht  bloß  der  Inhalt  des  Geschehens  ist  ein  anderer,  dort  z.  B.
Menschenschicksale,  hier  wieder  Wandlungen  in  der  Gesteinslage;  das
Geschehen  selber,  als  Gefäß  dieses  Inhaltes,  ist  da  und  dort  ein  anderes.
Das  Geschehen,  das  die  Historie  um  seiner  selbst  willen  zu  erschließen
sucht,  weicht  in  seiner  innersten  Struktur  von  dem  Geschehen  ab,  das
die  Metahistorie  gemäß  den  Beziehungen  der  räumlichen  Dinge  interpoliert, ­
  um  sie  zeithaft  zu  ordnen.  Wer  unseren  landläufigen  Anschauungen ­
  Glauben  schenkt,  würde  hier  freilich  nur  den  vielumstrittenen
Gegensatz  zwischen  „teleologischer“  und  „kausaler  Erklärung“ ­
  vor  sich  sehen.  Diese  Meinung  bedarf  aber  einer
Korrektur,  und  gerade  dafür  bewährt  sich  unser  Schulbeispiel  vortrefflich. ­
  Bei  ihm  sind  nämlich  die  Tatsachen,  von  denen  die  Erkenntnis ­
  ihren  Ausgang  nimmt,  für  Historie  und  Metahistorie  von  der
gleichen  Natur:  Formen  des  Gesteines.  So  bleibt  es  hier  vermieden,
daß  sich  die  fraglichen  Abstände  hinter  die  Verschiedenheit  der  Ausgangspunkte ­
  verkriechen  und  zugleich  mit  dieser  übersehen  werden.
Fragen  wir  uns  zunächst,  wie  der  Geologe  dazu  gelangt,  jenes
„Felsenmeer“  aus  einem  Verwitterungsprozeß  zu  erklären.  Ich  habe
erwähnt,  daß  auch  hier  eine  Interpretation  vor  sich  geht,  die  sich  aber
von  Haus  aus  in  den  Dienst  der  Interpolation  stellt.  Die  Art  nun,
wie  der  Geologe  hier  ein  Sein  in  Geschehen  umdeutet,  ist  eine  überaus
schlichte.  Sie  beruht  auf  der  erfahrungsmäßigen  Kenntnis
kausaler  Verkettungen,  die  eins  sind  mit  Abfolgen  von  Erscheinungen. ­
  Man  weiß  aus  der  Erfahrung,  daß  —  schematisch  gesprochen ­
  —  auf  A  ein  B  folgt,  auf  D  ein  E,  auf  F  ein  G,  und  so  eine
beliebige  Reihe  hindurch.  Man  weiß  z.  B.,  daß  sickerndes  Wasser  an
den  Bruchflächen  des  Steines  nagt;  nur  steckt  in  einem  solchen  Erfahrungssatze ­
  schon  ein  ganzes  System  kausaler  Verkettungen,  alle  aber
nach  dem  Schema:  auf  A  folgt  B.  Der  Schluß  vom  Vorliegenden
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.