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Besonders für den Fall des Enthaarens durch Aschern hat nun
mehr ein gründliches Entkalken durch sorgfältiges Waschen zu folgen,
wie überhaupt Wässern und Waschen, Bewegen und Stampfen der
Häute in Wasser in wechselnder Zahl und wechselnder Dauer der Zeit
zwischen die einzelnen Operationen eingeschoben zu denken ist, auch
wenn hier nicht immer besonders darauf hingewiesen wird; denn diese
stets wiederholte Reinigung und Durcharbeitung der Häute und Felle
ist ohne wesentliche Bedeutung für den theoretischen Fortgang der Prozesse.
Meistens an dieser Stelle, also nach der Reinigung der Haarseite,
folgt die Bloßlegung der Lederhaut auf der Fleischseite, ein rein
mechanischer Vorgang, bewirkt durch Schaben der Fleischseite mit
scharfen Messern. Die -an der Haut befindlichen Anhängsel, Kopf,
Schwanz und Extremitäten werden im Anschluß an diese Operation
mit einem scharfen Messer abgeschnitten. Die auf diese Weise beider
seits bloßgelegte Lederhaut führt den Namen „Blöße".
Als letzte Operation vor dem eigentlichen Gerbeprozeß kommt das
sog. Beizen oder Schwellen der Blößen in Betracht zur völligen
Reinigung der Haut*) von den auf mechanischem Wege nicht entfern
baren Kalk, ev. zur Entfernung von Fettstoffen aus der Hautsubstanz
und endlich zur Beseitigung der durch das Äschern hervorgerufenen
Schwellung der Haut, der sog. Äschergeschwulst. Außerdem soll der
Haut ein gewisses Auflaufen, eine bestimmte Schwellung erteilt werden,
welche die Poren öffnet und das dichte Gewebe der Hautfasern etwas
lockert, um das Eindringen der Gerbesubstanzen zu erleichtern. Sub
stanzen, welche diese Zwecke erreichen sollen, nennt man „Beizen", und
man unterscheidet
1. Säure- und Zuckerbeizen, wie Salzsäure, Schwefelsäure, Milch
säure, Zucker und Honig.
2. Mistbeizen, wie Hundekot, Vogelmist, und dann die im ersten
Teil unserer Betrachtung ebenfalls erwähnten künstlichen Mistbeizen.
3. Kleien- und Strohbeizen.
4. Kombinierte Beizen.
Diese Substanzen wirken entweder rein chemisch-reinigend, oder
physikalisch-chemisch-quellend oder endlich wirken besonders die Mist-,
sowie die Kleien- und Strohbeizen nicht als solche, sondern erst, wenn
sie durch die Tätigkeit von Bakterien in Gärung eingetreten sind.
Die so vorbereitete Blöße wird nun dem eigentlichen Gerbeprozeß,
dem Gerbeprozeß im engeren Sinne des Wortes zugeführt. Zweck
dieses Gerbeprozesses ist, die Lederhaut in eine Form überzuführen,
welche sich physikalisch von der bloßen getrockneten Haut dadurch unter-
-) Dämmer, Bd. III, S. 918 ff.