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,Die Grenzen der Geschichte“,
nicht bloß höchst plausibel klingt, sie ist schon aus Gründen der
Zweckmäßigkeit unausweichlich, sofern sie sich auch
nur halbwegs als leitendes Prinzip bewährt. Sie ist der
einzige Weg, das metahistorische System so zu gestalten, daß wir, der
Vorstellung nach, den „Epochen“ und „Stammbäumen“ ein lücken
loses Geschehenssystem zu unterlegen vermögen. Denn was
sind die Vorgänge, die wir selber beobachten, anders als jenes
Geschehende, nach dessen Analogie sich das kausal Ge
schehene allein erfassen läßt! Das heißt also, daß wir jene Annahme
nötig haben, wenn wir mit unserer naturwissenschaftlichen Erkenntnis
das Auslangen finden wollen, um das für das metahistorische System
erforderliche Geschehen zu interpolieren. Sonst müßten wir uns den
Übergang der „Epochen“ immer noch als „Neuschöpfungen“ oder
doch als ebensowenig erfaßliche „Revolutionen“ ausmalen; und auch
die „Stammbäume“ würden der inneren Wahrheit entbehren, hätten
mehr nur jenen bildlichen Sinn, der seit jeher z. B. von „Familien“
der Lebewesen sprechen ließ. Auch diese Annahme ist also bloß als
etwas zu verstehen, das die metahistorische Konstruktion erst voll
ständig möglich macht, also die innere Wahrheit des
Systemes erhöht. Nur scheinbar kann sich der Wirklichkeits
gehalt der metahistorischen Vorstellungen dadurch erhöhen.
Ein Abrücken von der empirischen Wirklichkeit aber liegt beim
metahistorischen Geschehen deshalb vor, weil es gestaltet wird nach
dem Ebenbilde jener „Vorgänge, die wir selbst beobachten“, und diese
nicht mehr die empirische Wirklichkeit selber bedeuten, nicht etwas,
das wir erleben, sondern schon ein gedankliches Destillat daraus. Die
scheinbare Verlängerung der empirischen Wirklichkeit, ihre Streckung
in die Vergangenheit, kommt in Wahrheit so zustande, daß wir mit
jenem naturwissenschaftlichen Destillat aus ihr weiter
konstruieren. Es ist daher ein Trugschluß, zu sagen, daß sich das
metahistorische Geschehen deshalb aus lauter Vorgängen aufbaut, die
wir selber beobachten, deren Zeugen wir sein könnten, weil sie den
Vorgängen um uns selber gleichartig seien. Gleichartig gedacht,
als interpoliertes Geschehen, sind sie bloß dem Destillate aus unseren
Erlebungen. Weil sie nun die konstruktive Verlängerung eines „ob
jektivierten“, eines im Wesen subjektlosen Geschehens darstellen,
nach dessen Ebenbilde sie gestaltet wurden, sind diese Vorgänge selber
im Wesen subjektlos, sind also im Wesen dem Erlebtwerden
entzogen. Der Schnitt gegenüber der empirischen Wirklichkeit ist
einmal schon mit der naturwissenschaftlichen Erfassung jener Vorgänge
zur Tatsache geworden und wird doch am wenigsten dadurch un-