Umrisse einer Theorie des Individuellen, II.
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hebung über diesen, Berg und Tal, Hang und Spitze und dergleichen
mehr. An sich ist auch diese Einseitigkeit der Betrachtung
nichts, was zum Besonderen der Idiographie gehörte: könnte man doch
jegliches Denken, das überhaupt ein wissenschaftliches sein will, als
ein zielbewußt einseitiges kennzeichnen 1 Allein, es ist ein besonderes
Kennzeichen des idiographischen Denkens, daß es über diese
Einseitigkeit noch hinauszufinden sucht, zurückstrebt nach der
vollen Wirklichkeit, in jenem bedingten Sinn, der später als die
Synthese der Reihenbildungen erläutert wird. Vorläufig
sehen wir uns die Reihe in unserem Beispiele darauf an, was an ihr
spezifisch idiographisch ist, also die Richtung auf das Besondere auch
in diesem Belange verrät.
Das ist nun offenbar das logische Band der Reihe, die Form
der Abhängigkeit, in der die inhaltlich zusammenhängenden Er
gebnisse in dieser Reihe zueinander stehen. Da folgt nicht auf einen
Allgemeinbegriff jedesmal der höhere; also nicht etwa auf die „Spezies
die „Art“, auf diese die „Gattung“, um späterhin mit dem „Reiche“
abzuschließen; auch nicht auf das „Spezialgesetz“ das universellere
»Gesetz“, bis endlich ein „letztes Gesetz“ den Abschluß macht, dem
gegenüber alle qualitativen Unterschiede zu bloßen Größenbeziehungen
»letzter Dinge“ vergeistigt sind. Es folgen sich vielmehr idio-
graphische Begriffe, je ein unverwechselbares Ganzes vertretend,
ein System; und sie folgen sich so, daß jedes System dem nächst
höheren ebenso ein bloßes Glied bedeutet, wie ihm selber gegenüber
das vorhergegangene System bloß ein Glied war. Mit der fort
schreitenden Reihe weitet sich also nicht der Umfang des Begriffes,
sondern des Begriffenen: das anschauliche Zusammen
hängen der Dinge dehnt sich in gedanklicher Erfassung weiter
und weiter, vom Ganzen je zum höheren, d. h. umschließenden
Ganzen. Am letzten Ende steht dann nicht der umfassendste Begriff,
sondern der Begriff des Umfassendsten: des Allzusammenhangs
der Dinge, der uns unter Bezug auf alle diese idiographischen Reihen
a ls das System der Systeme erscheint.
Nebenbei erhellt hier, daß uns der Allzusammenhang wohl irgendwie
als die höchste Einheit gilt, als System der Systeme aber nicht selber
uiehr der Individuation zugänglich ist. Gerade weil er im prinzipiellen
S'nne die letzte Bedingung aller Individuation ist, erscheint er selber
als das Überindividuelle — im objektiven, und nicht in jenem
objektiven Sinne gemeint, wie man etwa von „überindividuellen
Werten“ spricht, unter Bezug auf jenen bevorzugten
r eis der Individuen, die uns auf der Unterlage der
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