Full text : Wirtschaft als Leben

574

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

Versäumnisse  lagen  tatsächlich  in  beiden  Richtungen  vor.  Es  entgeht ­
  der  herrschenden  Lehre,  daß  die  Begrififsbildung  jedesmal  eine
andere  ist,  je  nachdem  unser  Erkennen  auf  das  Allgemeine  oder
auf  das  Besondere  abzielt;  denn  als  Erkenntnisziel  gilt  überhaupt
nur  das  Allgemeine.  Es  ist  nun  wahr,  unser  Denken  trennt  sich  niemals ­
  vom  Allgemeinen,  da  seine  Elemente  notwendig  abstrakte  sind.
Dies  wird  aber  in  falscher  Analogie  auf  das  Ziel  unseres  Erkennens
ausgedehnt  So  erwächst  die  Meinung,  daß  die  wissenschaftlichen
Begriffe  durchweg  Allgemeinbegriffe  seien  und  jede  auf  Erfahrung
gegründete  Wissenschaft  also  darin  gipfeln  müßte,  daß  man  „Gesetze“
erfaßt.  Nun  ist  zwar  der  Korrektur  dieses  Irrtums  die  Bahn  längst
gebrochen;  zuletzt  hat  es  Rick  er  t  umfassend  gezeigt,  wie  sich  insbesondere ­
  in  der  Geschichtswissenschaft  das  Besondere  als  Ziel  unserer
Erkenntnis  bewährt.  Es  hat  aber  gegolten,  das  logische  Verfahren
selber,  das  wir  dabei  befolgen,  in  seiner  Reinheit  darzustellen,  losgelöst ­
  von  seiner  Anwendung  in  irgendeiner  Fachwissenschaft  Der
Zweck  dieser  „Theorie  des  Individuellen“  war  ein  doppelter.  Erstens
ließ  sich  bloß  durch  die  scharfe  Analyse  des  Verfahrens  dartun,  daß
letzteres  völlig  ebenbürtig  dem  anderen  Verfahren  sei,  nämlich  der
Bildung  von  Allgemeinbegriffen.  Zweitens  ergaben  sich  alle  Voraussetzungen, ­
  an  welche  die  Anwendung  dieses  Verfahrens  gebunden
ist.  Beides  aber  erweist  sich  von  ausnehmendem  Belang  für  das  Verständnis ­
  der  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung  1  Der  erstere  Nachweis ­
  räumt  mit  dem  Vorurteil  auf,  als  ob  auch  die  Sozialwissenschaft,
um  Wissenschaft  zu  bleiben,  in  Allgemeinbegriffen  und  „Gesetzen“
aufgehen  müsse.  Die  Kenntnis  jener  Voraussetzungen  wieder  bietet
den  Schlüssel  dar  zur  Lösung  eines  Problems,  das  für  unsere  fachliche
Methodologie  das  fundamentale  bleibt:  wie  sich  innerhalb  der  Sozialwissenschaft ­
  die  „nomothetische“  und  die  „idiographische“  Begriffsbildung ­
  zueinander  stellen.  Im  Rahmen  der  Lösung  dieses  Problems
läßt  sich  der  ganze  Streit  zwischen  „Historikern“  und  „Theoretikern“
in  unseren  Disziplinen  schlichten,  soweit  er  begriffstechnischer  Natur
ist,  also  der  Methodologie  der  Darstellung  zur  Entscheidung  anheimfällt.
Die  Lösung  dieses  Problems  setzt  jedoch  voraus,  daß  man  über
die  Sozialwissenschaft  selber  prinzipiell  im  klaren  ist.  Hier  also  schiebt
sich  die  erkenntnistheoretische  Erwägung  ein,  wie  Sozialwissenschaft ­
  überhaupt  als  Erfahrungswissenschaft  möglich
ist.  Für  den  Vollzug  dieser  Erwägung  gebricht  es  nun  schon  ganz
und  gar  an  der  richtigen  Instruktion;  hier  waren  Lücken  auszufüllen ­
  in  Bezug  auf  ganz  fundamentale  Verhältnisse
unseres  Erkennensl  Dies  konnte  natürlich  bloß  ad  hoc  versucht
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.