Nationalökonomische Erläuterung, VI.
617
seiten dessen, dem meine Auffassung des Heutigen, als bloßen „Falles“
von Wirtschaft, in die Nase sticht; denn ihm selber erscheint die
Gegenwart sinnvoll nur als verlängerte Vergangenheit, die Zukunft nur
als ein festes Sitzenbleiben auf der Gegenwart. Für die andere Seite,
da hätte selbst die Gegenwart nur als Sprung in die Zukunft hinüber
einigen Sinn, und so erscheint die Vergangenheit schon gar von
keinerlei Belang. Natürlich ist mit diesen Anschauungen über den
Wert der Vergangenheit, da sie jenseits von Wahr und Falsch halten,
keine Diskussion möglich. Dagegen wird es der Erkenntniskritik wohl
nicht schwer fallen, schlüssig zu vertreten, wie sehr sich dieser angeb
liche „Historismus“ einfach in der Bahn der Notwendigkeiten richtigen
Erkennens bewegt! So viel war hier schon zu sagen, es bleibt schließ
lich eine Aufgabe der Erkenntnis wie jede andere auch, sucht man
nicht bloß der Wirtschaft um uns geistig Herr zu werden, sondern
auch der verklungenen oder der entlegenen Wirtschaft. Ist die her
kömmliche Theorie dem nicht voll gewachsen, muß unweigerlich
Remedur eintreten. Dies besorgt die allwirtschaftliche Auffassung.
Wer sie deshalb des „Historismus“ anklagt, nun, der kann auch ruhig
dem Dachdecker Verstiegenheit nachsagen oder dem Zoologen anima
lische Neigungen.
Remedur ist in der anderen Richtung nicht minder geboten. Nur
scheinbar ist eine Theorie, die sich vor aller andersgearteten Wirtschaft
zu schwach erweist, um so stärker in bezug auf die Wirtschaft von
heute. Gewiß nicht auf solche Art läßt sich das wissenschaftliche
Denken zu einem „Spezialwerkzeug“ für bestimmte Aufgaben gestalten.
Bewegt sich eine Theorie so ganz zwangsläufig, der einseitigen Proble
matik gemäß, in ihrem Denken, so erblüht daraus überhaupt kein
Vorzug für sie; und ausdrücklich auch nicht jenem Vorwurf gegenüber,
dem sich das Denken dabei zuwendet, nämlich der Wirtschaft von
heute. Auch in dieser Hinsicht besagt es immer nur ein einseitiges
und hilfloses Festgeranntsein des theoretischen Denkens. Darin liegt
nichts von besonderer „Begabung“ für Erkenntnis des Heutigen, sondern
klipp und klar nur Beschränktheit überhaupt. Oder sollte sich die
Sünde nicht rächen, wenn das theoretische Denken einer Wissenschaft
so wenig über sich selbst Bescheid weiß, so wenig sich selber in der
Hand hat, daß es automatisch einseitig sich bewegt? Es rächt sich
dies vorerst so, daß sich die Theorie für die Wirtschaft stets wieder
am Erwerb vergreift. Wie weithin aber sind Wirtschaft und Erwerb
zweierleil Wem das heute noch nicht aufgegangen ist, dem ist wirk
lich nicht zu helfen. Heute sieht man vielfach den Erwerb, gleichwohl
ihn selber die schwersten Krisen umlauern und fallweise auch ereilen,